Auch von Aachen rollten die Züge in die KZ

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Di, 27. Mär. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / Lokales / Seite 17

Auch von Aachen rollten die Züge in die KZ

Vor 70 Jahren begannen die Deportationen der jüdischen Bevölkerung. Eine Gedenktafel an unauffälliger Stelle erinnert daran.

Aachen. Vor 70 Jahren begannen in Aachen die Deportationen der jüdischen Bevölkerung in das Ghetto von Theresienstadt und in die Vernichtungslager in Ostmitteleuropa. Am Aachener Hauptbahnhof erinnert eine Tafel der „Wege gegen das Vergessen“ an die Opfer der Nazizeit und an die insgesamt sechs Transporte zwischen dem 25. März 1942 und September 1944, bei denen fast alle jüdischen Aachener deportiert wurden. Heinz Gödde, Lehrer am Geschwister-Scholl-Gymnasium, hat sich mit den Ereignissen vor 70 Jahren befasst und die Namen einiger Opfer zusammengetragen. Wir bringen Auszüge aus seinem Bericht:

„Nach dem Novemberpogrom 1938 wurden endgültig die Grundlagen der Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung gelegt. Im Frühjahr 1941 wurde das Barackenlager am Grünen Weg zu einem Lager für einen Großteil der noch in Aachen lebenden jüdischen Bevölkerung, ein weiteres Lager entstand in Haaren an der Hergelsmühle als Lager des damaligen Kreises Aachen.

Sogenannte Judenhäuser wurden in der Stadt errichtet, zum Beispiel an der Eupener Straße, der Trierer Straße, der Königstraße und an weiteren Stellen. Die jüdischen Aachener mussten ihre Wohnung verlassen und wurden an diesen wenigen Stellen zusammengepfercht. Nachdem im Herbst 1941 die Entscheidung für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und in den besetzten westeuropäischen Staaten getroffen war, wurden schließlich auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 die konkreten organisatorischen Vorbereitungen für die Massendeportationen getroffen. Im Frühjahr 1942 begannen die Transporte ,in den Osten‘. Bei insgesamt sechs verschiedenen Transporten wurden fast alle jüdischen Aachener deportiert.

Die erste Deportation, von der auch Aachener betroffen waren, wurde von der Gestapo Düsseldorf organisiert. Dieser Transport aus den Rheinlanden verlief am 25. März 1942 bis in das Durchgangsghetto Izbica. Die genaue Zahl der aus Aachen Deportierten lässt sich nicht mehr ganz genau ermitteln, aber mindestens 16 Personen aus dem Lager Grüner Weg und dem Altersheim Kalverbenden wurden mit diesem Transport ins Durchgangslager Izbica gebracht.

Zu ihnen gehörte auch das Ehepaar Regina und Wilhelm Friesem. Betroffene der ersten Deportationsphase konnten noch Post an ihre in Deutschland oder im Ausland lebenden Verwandten und Freunde senden, allerdings nur, um die Verbleibenden zu beruhigen. Sehr früh nach der Ankunft muss das Ehepaar getrennt worden sein, in ihren Briefen schreibt sie von einem fehlenden Kontakt zu ihrem Mann, Ob er erschossen oder schon deportiert wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Wilhelm Friesem gilt als verschollen, als Todesdatum für Regina Friesem wird der 1. September 1942 genannt.

Ein weiterer Transport aus dem Rheinland nach Izbica, erfolgte kurze Zeit später. Das Gedenkbuchprojekt kennt die Namen von 111 aus Aachen Deportierten. Der dritte Transport aus dem Rheinland, am 15. Juni 1942, wieder mit Aachener Deportierten, ist vielleicht gar nicht in Izbica angekommen: Er scheint ab Lublin direkt zum Vernichtungslager Sobibor umgeleitet worden zu sein.

Weitere Transporte 1942 gehen zum Ghetto Theresienstadt. Bis heute sind die Namen von 234 aus Aachen nach Theresienstadt Deportierten bekannt. Im Juli 1942 wurden unter anderem die Bewohner des Lagers Hergelsmühle nach Theresienstadt verschleppt. Sie wurden unter Bewachung zuerst in Haaren zur Straßenbahnhaltestelle, dann zum Bahnhof gebracht. Auch aus dem Altersheim, dem Lager Grüner Weg und aus den ,Judenhäusern‘ wurden Menschen in das Altersghetto Theresienstadt deportiert.

Nach dem Novemberpogrom flohen viele jüdische Aachener in die benachbarten Niederlande, nach Belgien und nach Frankreich. Aus Haaren floh Familie Hartog in die Niederlande, zunächst bis nach Rotterdam. Am Tag ihrer Flucht soll ihre Wohnung in Aachen nach kurzer Zeit leergeräumt gewesen sein.

Zunächst wurde Hugo Hartog interniert. Er kam später bei einem Bombenangriff 1940 ums Leben, Emma Hartog zog dann nach Maastricht. Nach der Besetzung der Niederlande wurden Mutter und Tochter später in Westerbork interniert, dann nach Theresienstadt deportiert. Edith Mayer, geb. Hartog, berichtete 1992 als Zeitzeugin Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums über das weitere Schicksal ihrer Mutter. Sie wurde 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die junge Edith Hartog konnte Theresienstadt überleben und emigrierte nach der Befreiung in die USA. Auch ihre Brüder überlebten die Nazizeit.

Schon 1934 emigrierte das Ehepaar Karl und Trude Lenneberg nach Brüssel. Sie wurden im Verlaufe des Krieges verhaftet und kurze Zeit später, im Mai 1944, beide von Mechelen nach Auschwitz deportiert. Karl Lenneberg kam im Januar 1945 ins KZ Buchenwald, kurze Zeit später nach Bergen-Belsen, wo er umkam. Ein genaues Todesdatum ist unbekannt. Seit der Ankunft in Auschwitz am 19. Mai 1944 ist über das weitere Schicksal von Trude Lenneberg nichts bekannt. Von Mechelen aus sind mindestens 43 Aachener deportiert worden.

Auch Familie Burghardt floh nach der Synagogenbrandstiftung aus Aachen. Zunächst nach Belgien, dann 1940 weiter nach Frankreich. Hier wurde Hans Burghardt am 12. Mai 1940 interniert, am 7. September 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Seine Eltern folgten kurze Zeit später in einem weiteren Transport.

Elke Elkan, geb. Mathes, floh im Frühjahr 1939 nach Belgien. Von Mechelen aus wurde sie mit einem Transport von 997 Menschen nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten. Elke Elkan wird unmittelbar nach der Ankunft ermordet, genau wie ihr Mann Ernst Elkan, der im Herbst nach Auschwitz deportiert wird. Diesen Transport von 875 Menschen überleben 37.

Die Eltern Josef und Tina Mathes werden 1941 in das Lager Hergelsmühle vertrieben und im Sommer 1942 nach Sobibor deportiert. Von der gesamten Familie Mathes überlebt nur Alex Mathes, dem über Belgien, Frankreich und Nordafrika die Flucht nach Amerika gelingt, zuerst in die Dominikanische Republik und dann in die USA nach Philadelphia.

Nach dem deutschen Überfall auf die Beneluxstaaten zieht Else Salomon mit ihrem Mann von Vaals nach Brüssel. Hier gelingt es dem Ehepaar, unentdeckt zu bleiben, bis Else Salomon 1942 verhaftet wird. Sie wird von Mechelen aus nach Auschwitz deportiert. 1944 kommt sie in das Arbeitslager Liebau, bis sie schließlich im April 1944 von der Roten Armee befreit wird. Sie zieht zurück nach Brüssel, später nach Kanada. Sprechen, so Else Salomon, könne sie über diese Zeit immer noch nicht gut. Die körperlichen und seelischen Strapazen kennzeichneten ihr Leben.

Aus Haaren waren 1938 Hermann Levy und seine Familie ebenfalls nach Belgien und dann nach Frankreich geflohen. Hermann Levy wurde als Deutscher in verschiedenen Lagern interniert. 1943 wird er von Drancy mit einem Transport ,in den Osten‘ deportiert. Wie alle Deportierten dieses Transportes wurde er im Juni 1943 nach Ankunft des Transportes ermordet. Seine Frau und Kinder überleben den Krieg.

Auch die Flucht ins benachbarte Ausland bot fast allen Flüchtlingen nur einen Aufschub vor Verfolgung und Ermordung durch den Nationalsozialismus. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs kamen immer mehr Länder unter deutsche Kontrolle, und die geflohenen jüdischen Deutschen gerieten wieder in die Fänge der SS. Die meisten von ihnen wurden über Sammellager wie Drancy, Mechelen und Westerbork in den 0sten deportiert und in den Vernichtungslagern von Auschwitz, Sobibor oder Treblinka ermordet.

Vom Aachener Hauptbahnhof wurde auch Jona Leven mit seiner Familie am 15. Juni 1942 nach Sobibor deportiert. Seine Eltern, Karl und Else Leven, stammten aus Düren, dort war Karl Leven ein angesehener Kinderarzt. Die Eltern waren von Düren aus zunächst im Lager Grüner Weg ghettoisiert worden, dann für kurze Zeit im ,Judenhaus‘ an der Eupener Straße untergebracht. Jona Leven wurde am 22. März 1942 geboren.“

Er wäre vor wenigen Tagen 70 Jahre alt geworden.

„Auch die Flucht ins benachbarte Ausland bot fast allen Flüchtlingen nur einen Aufschub vor Verfolgung und Ermordung.“

Heinz Gödde

„Bei insgesamt sechs verschiedenen Transporten wurden fast alle jüdischen Aachener deportiert.“

Heinz Gödde

3 Gedanken zu „Auch von Aachen rollten die Züge in die KZ

  1. Gut, dass es Menschen wie Sie gibt, Herr Gödde, die an das furchtbare Schicksal unserer Mitbürger erinnern und schon frühzeitig erinnert haben, damit sich Vergangenheit nie wieder wiederholt! Danke!
    Bitte:
    Gibt es Unterlagen/Listen aus dem Lager Aachen Grüner Weg und dem Heim Kaleverbenden und Listen über die bei den jeweiligen Transporten Deportierten? Auch aus Geilenkirchen sind zunächst jüd. Mitbürger nach der Pogromnacht nach Aachen interniert worden. Zurzeit bin ich dabei, das Schicksal unserer Geilenkirchener jüd. Mitbürger aufzuarbeiten. Für evtl. Hinweise und Tipps wäre ich sehr dankbar!

  2. Sehr geehrter Herr Nieren,

    ich würde es bei 3 Personen / Organisationen probieren:

    1. VHS Aachen, da gab es meines Wissens nach ein Projekt bezüglich ermordeter Juden aus Aachen
    2. Herr Dux, hält u.a. Vorträge über den jüdischen Friedhof in Aachen
    3. und natürlich die jüdische Gemeinde in Aachen.

    Mfg

    Weyermann

  3. Und dennoch liegen bis zum heutigen Tag in Aachen nur 31 Stolpersteine. Als wäre die Deportierung und Ermordung von Juden und Andersdenkenden in Aachen nur ein Randphänomen gewesen.

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