Aachener Beutekunst für immer russisch?

Di, 15. Apr. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Kultur / Seite 11

Aachener Beutekunst für immer russisch?

Van den Brinks Plan zerschlagen: Nach dem Umbruch auf der Krim kehren die Bilder nicht ins Suermondt-Ludwig-Museum zurück

Von Eckhard Hoog

Aachen. Die Krim dürfte für die Ukraine verloren sein – und mit ihr wohl auch die Aussicht Aachens, jemals die knapp 80 Bilder aus dem Suermondt-Ludwig-Museum wiederzusehen, die 2008 im Kunstmuseum von Simferopol aufgetaucht waren. Seit 2007 ist die Aachener Beutekunst dort ausgestellt. 1953 war sie über verschiedene Stationen nach Simferopol gelangt – am Ende einer langen Odyssee von der Auslagerung in der Meißener Moritzburg während des Zweiten Weltkriegs über den Abtransport in die Sowjetunion bis hin zum Verbleib im Heimatmuseum von Jalta, das keinen geeigneten Raum dafür gefunden hatte. Ein bayrisches Touristenpaar, des Russischen mächtig, entdeckte die Aachener Bilder dann 2008 völlig überraschend in einer Ausstellung im Museum Simferopol – die Endstation für immer, wie es nun aussieht.

Drei Mal reiste Museumsdirektor Peter van den Brink als Mitglied einer deutschen diplomatischen Kommission in die Ukraine, um das Thema in Kiew mit dem dortigen Kulturministerium zu besprechen. Das vierte Mal sollte jetzt im Mai stattfinden. Doch: „Das Auswärtige Amt hat die Reise abgesagt“, sagt van den Brink mit Bedauern und Verständnis zugleich. „Schließlich gehören die Bilder ja nicht mehr der Ukraine“ – sondern wie die gesamte Krim zu Russland.

Dabei hätte gerade jetzt die Chance bestanden, den gordischen Knoten zu durchschlagen: Mit einem außergewöhnlichen Vorschlag wollte van den Brink eine endgültige Lösung für die Aachener Kollektion ebenso finden wie für eine dauerhaft vertrauensvolle Kommunikation mit dem Museum auf der Krim, womöglich mit der Perspektive eines gelegentlichen Austauschs von Kunstwerken. Um die Rückgabe von fünf, nur fünf, der 76 Bilder wollte van den Brink bitten – allerdings solche, die für Aachen eine ganz besondere Bedeutung haben: vor allem Johann Gottfried Pulians Gemälde „Das Aachener Münster“ von 1854/55. Im Gegenzug sollte das Kunstmuseum Simferopol alle anderen Beutebilder aus Aachen geschenkt bekommen.

Daraus wird nun nichts: Jetzt gehören sie sowieso alle Russland, denn die Duma, das russische Parlament, hatte 1998 in einem Gesetz pauschal die von sowjetischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg mitgenommenen Kunst- und Kulturgüter zu Staatseigentum erklärt. Deutschland hält dieses Gesetz für völkerrechtswidrig – was aber an den Tatsachen nichts ändert.

Die ganze Entwicklung auf der Krim, so der begründete Verdacht Peter van den Brinks, dürfte der Museumsdirektorin in Simferopol, Larina Vladimirovna Kudryashova, sehr entgegenkommen: „Sie ist ja selbst Russin und stammt auch noch aus einer edlen russischen Familie.“ Larina ist ein direkter Abkömmling des Fürsten Juri Dolgorukij, dem Gründer von Moskau. Der Aachener Museumsdirektor hat indes selbst Verständnis für die russische Seite, was die Krim angeht: „Die war immer russisch, vor der Zeit der Perestroika noch sehr viel mehr und stärker als heute.“

So verfahren die Lage um die Aachener Bilder auf der Krim auch sein mag: Peter van den Brink erkennt dennoch Perspektiven für Verhandlungen über andere Beutekunst aus Deutschland, die sich nach wie vor in der Ukraine befindet. „Gerade jetzt!“, sagt er mit Blick auf die versprochene Finanzhilfe der EU in Höhe von elf Milliarden Euro. „Man sollte die Hilfe an die Bedingung knüpfen, die Depots in Kiew und Odessa zu öffnen. Dabei ginge es nicht um die Rückgabe von Kunstgegenständen, sondern darum, den Zugang zu ermöglichen. Die Zeit dazu ist reif.“ In Kiew und Odessa sollen große Bestände an Beutekunst aus Deutschland unter Verschluss gehalten werden. Van den Brink: „Klar, dass die Ukraine jetzt andere Sorgen hat. Aber das Thema sollte man trotzdem ansprechen.“

„Das Auswärtige Amt hat die Reise abgesagt.“

Museumsdirektor Peter van den Brink wollte im Mai eigentlich zum vierten Mal in die Ukraine reisen

Die Nacht, die 1525 Aachenern den Tod brachte

Fr, 11. Apr. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Lokales / Seite 20

Das Thema: Der Bombenangriff auf Aachen vor 70 Jahren

Die Nacht, die 1525 Aachenern den Tod brachte

Zeitzeugen erinnern sich an den 11. April 1944. Das Bombardement britischer Flieger im Bunker oder am Stadtrand überlebt. Bestialischer Gestank.

Von Georg Dünnwald

Aachen. Der Osterdienstag im Jahr 1944 war ein schöner Frühlingstag. Die Sonne lachte vom Himmel, die Vögel zwitscherten um die Wette, erste Blütenknospen waren zu sehen. Martin Ratajczak beschreibt den Tag nach dem Osterfest so. Am Nachmittag ging der inzwischen 86-Jährige, der seit mehr als fünf Jahrzehnten für die „Aachener Nachrichten“ als Fotograf unterwegs ist, mit ein paar Kameraden weg. „Wir wollten im Hochbunker Eupener Straße Karten spielen“, erzählt Ratajczak. „Wir haben einfach keinen Luftalarm erwartet, die amerikanischen Verbände, die tagsüber flogen, waren nicht zu sehen, und wir haben auch keine englischen Flugzeuge erwartet.“

Vier junge Männer, der jüngste war der 16-jährige Martin, vergaßen ganz und gar die Zeit über ihrem Kartenspiel. Die Jungen waren so in ihr Spiel vertieft, dass sie fast die heulenden Sirenen, die gegen 22.30 Uhr angeworfen wurden, überhörten. „Aber dann fielen auch schon die Bomben“ erinnert sich Ratajczak, „viel früher, als wir es eigentlich gewohnt waren“. Bombe um Bombe sei niedergeknallt. „Der dreigeschossige Bunker Eupener Straße war der letzte, der in Aachen gebaut wurde, seine 2,50 Meter hohe Decke war noch nicht einmal durch und durch trocken. Trotzdem hat sie die Zentnerbomben, die fielen, tragen können“, erinnert sich Ratajczak dankbar.

Fast anderthalb Stunden

Eine Stunde und 21 Minuten lang dauerte das Bombardement. Dann drehten die britischen Maschinen ab. Die rund 350 Flugzeuge, die über Aachen ihr todbringendes, ihr verstörendes Werk verrichtet hatten, flogen in ihre Horste zurück. Vor allem der Stadtteil Burtscheid war beinahe dem Erdboden gleichgemacht worden. In Aachen fielen 1525 Menschen dem Angriff zum Opfer, darunter waren auch viele Kinder. 969 Menschen wurden zum Teil sehr schwer, auch lebensgefährlich verletzt. Viele Häuser waren vollkommen zerstört, andere schwer beschädigt und unbewohnbar. Die Pfarrkirchen St. Johann Baptist in Burtscheid, die gleich daneben liegende Pfarrkirche St. Michael, die Pfarrkirche St. Follian am Dom und auch die Theresienkirche in der Pontstraße wiesen deutliche Schäden auf. Aber auch das ehemalige Polizeipräsidium in der Karmeliterstraße (am sogenannten Dreiräubereck) die Textilschule am Boxgraben, die heute die Fachhochschule für Gestaltung beherbergt , und mehrere umliegende Krankenhäuser wurden getroffen. Alleine in den „Städtischen Krankenanstalten“ an der Goethestraße verloren 91 Menschen – Patienten, Ärzte und Pflegepersonal – ihr Leben. Aus den „Städtischen“ entstand später das Uniklinikum der RWTH Aachen. Nach und nach verließen die Aachener, die Zuflucht in den Bunkern gesucht hatten, die Sicherheitsunterkünfte. Ihnen bot sich sein Bild des Schreckens. Die Briten hatten nicht nur „normale“ Bomben geworfen, sondern auch Phosphorbomben hinterhergeschickt. Eine besonders schlimme Waffe.

Bilder, die man nicht vergisst

„Phosphor brannte und konnte mit Wasser nicht gelöscht werden“, erklärt Ratajczak. „Das musste mit Sand erstickt werden.“ Er hat zahlreiche verbrannte Leichen gesehen, aber auch Menschen, die noch brannten. „Das ist ein Bild, das man nicht so leicht vergisst.“ Das Haus mit der elterlichen Wohnung in der Sebastian­straße stand auch nicht mehr. „Schrecklich war das, aber wir hatten schnell eine Notunterkunft gefunden.“ Einige seiner Schulkameraden jedoch hatten in der Bombennacht den Tod gefunden. „Die hatten zusammen mit dem Wirt in einer Gaststätte an der Ecke Sebastianstraße/Ecke Neustraße Unterschlupf gesucht. Alle wurden getroffen und kamen dabei um.“

Caroline Reinartz war wesentlich jünger als Martin Ratajczak in jener Bombennacht. Im darauffolgenden Mai feierte sie erst ihren achten Geburtstag, „Aber glauben Sie nicht, dass ich nichts mehr von dieser Nacht wüsste“, sagt die stadtbekannte Immobilienmaklerin. „Am 14. Juli 1943 sind wir ja in unserer Gaststätte ‚Zum Wehrhaften Schmied‘ ausgebombt worden,“ erzählt sie. Bis auf den Vater hielt sich zu der Zeit die Familie bei Verwandten in Büsbach auf. „Das schien sicherer.“ Ihr Vater aber und die Hauskatze blieben an der Jakobstraße in Aachen zurück. „Er hielt sich mitsamt Katze im Keller auf, beide haben diesen Bombenangriff im Tonnengewölbe des Kellers überlebt.“ Weil das Haus und die Gaststätte nicht mehr standen, pachtete Papa Reinartz eine Wirtschaft an der Krakaustraße. Und dort ereilte die Familie Reinartz die Bombennacht vom 11. April. „In den Bunker Südstraße weigerte sich me ine Mutter zu gehen, seit ich festgestellt hatte, dass an der Decke viele ‚Marienkäferchen‘ waren, sie die aber als Wanzen erkannt hatte.“ Die Reinartz‘ überlebten den Angriff im Keller des Hauses in der Krakaustraße. Auch Caroline Reinartz erinnert sich: „Die Engländer kamen ohne Vorwarnung und schmissen Bomben und auch die Phosphorbrandsätze.“ Ein wahrer Bombenteppich sei auf Aachen niedergegangen. „Und danach brannte durch die Phosphorbomben alles. Es stank bestialisch.“ Es sei so heiß im schützenden Keller gewesen, dass man den Eindruck gehabt habe, selbst das dort liegende Holz verschmelze miteinander. „Das war nicht schön“, kommentiert Caroline Reinartz trocken. Sie hat am nächsten Morgen viele Leichen von Kindern und Erwachsenen gesehen. „Das geht einem immer mal wieder durch den Kopf.“

Zu Fuß nach Büsbach

Wieder war die Familie ausgebombt. Diesmal machten sich die Reinartz‘ zu Fuß auf nach Büsbach zu den Verwandten. „In einem Dachstübchen fanden wir ein neues Zuhause.“ Aber nur für kurze Zeit, betont Caroline Reinartz. Denn es sei nie gut, wenn Verwandte sich zu sehr auf die Pelle rücken. Also wieder zurück nach Aachen, an der Ecke Jakobstraße übernahm die Familie eine weitere Gaststätte bis 1949. „Dann mussten wir raus, der bisherige Wirt war aus Gefangenschaft zurück und wollte wieder selbst Wirt sein.“ Die Reinartz‘ erwirkten einen Aufschub und begannen, den „Wehrhaften Schmied“ wieder peu á peu aufzubauen. „Ich hoffe, dass das keiner mehr auf der Welt zu erleben braucht. Die Leute sollen sich vertragen und keine Kriege anzetteln, die so viel Elend über die Welt bringen“, ist Caroline Reinartz‘ Überzeugung.

Heinrich Johann Kluck war gerade erst gerade sechs Jahre alt, als die Bombennacht vom 11. April 1944 ihn und seine Mutter überraschte. „Im Bunker Rütscher Straße haben wir das Desaster überlebt.“ Er erinnert sich an den Lärm, die Erschütterungen des Bunkers bei Bombenaufschlägen und auch an den Gestank durch Verbranntes. „Die Phosphorbomben haben ganze Arbeit geleistet“, kommentiert er sarkastisch. Immer noch hat er das Bild vor Augen, als aus den Trümmern ein unverletztes Kaninchen den Klucks entgegenhoppelte. „Das war einfach schön“, meint er. Aber noch heute habe er mit den Nachwirkungen des 11. April 1944 zu kämpfen. „Wenn ein Postflieger nachts über Aachen nach Lüttich fliegt, spüre ich ein klammes Gefühl im Magen. Das Gefühl geht nicht weg, egal wie alt ich geworden bin“, sagt der 76-Jährige.

„Kein Akt der Befreiung“

Ganz anders ist das bei Georg Helg. Der Ehrenpräsident des Aachener Karnevalsvereins (AKV), Ex-Modehändler und Fraktionsvorsitzende der FDP im Städteregionstag hat nach eigenen Worten keinerlei traumatische Erinnerungen, wenn er an seine Kriegskindheit zurückdenkt. „Ich bin allenfalls wütend, dass Bomber-Harris von der britischen Luftwaffe ebenfalls Kriegsverbrechen begangen hat, wie die deutschen Einsatzkräfte, dafür aber nie zur Verantwortung gezogen, sondern sogar hoch geehrt wurde“, sagt Helg ärgerlich. Die Zerstörung Rotterdams und Coventrys durch die deutsche Luftwaffe vergisst Helg aber auch nicht. „Die Deutschen haben angefangen mit den Massakern.“

„Aber der Luftangriff auf Aachen am 11. April 1944 war ein Terrorakt“, meint er. Und Helg – damals acht Jahre alt – war mittendrin. In der Villa eines Verwandten am Südrand der Stadt, in Ronheide, haben die Familien Essers und Helg überlebt. Sein Vater war kurz vor Beginn des Bombardements aus seinem niederländischen Stationierungsort zu Besuch gekommen. „In Holland war er beim Luftwarndienst eingesetzt.“ Helg muss schmunzeln: „Weil er aus Holland nicht ohne Sonderbefehl herausgekommen wäre, hatte er Vaalserquartier als Urlaubsort angegeben. Das klappte, weil kaum einer wusste, dass Vaalserquartier nicht mehr Holland, sondern Deutschland war.“

Die Helgs hätten in der ersten Etage der Villa gesessen, da habe plötzlich das Telefon geklingelt. Ein Freund habe ihm mitgeteilt: „Macht Euch auf und davon, die Engländer sind schon über Lüttich.“ Aber schon waren die Geschwader über Aachen und ließen ihre todbringende Fracht auf die Stadt fallen. „Der Horizont über Aachen war nach dem Angriff grellrot“, erinnert sich Helg. „Das waren die Phosphorbomben.“

Zunächst in die Niederlande

Vater Helg nahm seine Familie nach dem Angriff vom 11. April mit in die Niederlande, von dort wurden Georg Helg, seine Schwester und die Mutter ins Schwäbische evakuiert. „Wer jetzt behauptet, die Amis wären gekommen, um uns zu befreien, der irrt. Im Schwäbischen war ich als neunjähriger Junge beauftragt, ein Kommissbrot zu besorgen. Auf dem Rückweg zu dem Bauernhof, wo wir untergekommen waren, zielte ein amerikanischer Tiefflieger auf mich, verfehlte mich aber. Aber ich weinte. Der Schreck saß tief und das wertvolle Kommissbrot war nass.“

Georg Helg: „Der Angriff am 11. April auf Aachen war kein Akt der Befreiung. Die Amerikaner und die Briten wollten die bedingungslose Kapitulation der Deutschen und die Besetzung des Reiches. Beides haben sie Gott sei Dank geschafft. Die meisten Deutschen standen doch bis zuletzt hinter Hitler und seinen Schergen. Die Juden, die Widerständler und die politischen Gefangenen konnten sich zu Recht befreit fühlen.“

Waldfriedhof: OB Philipp legt einen Kranz nieder

Oberbürgermeister Marcel Philipp wird am heutigen Freitag, 11. April, um 16 Uhr am Gräberfeld der Bombenopfer auf dem Waldfriedhof unterhalb des Bismarckturms zum Gedenken an die Opfer des größten Bombenabwurfs im Zweiten Weltkrieg auf Aachen einen Kranz niederlegen. Zu diesem Gedenken sind alle Aachenerinnen und Aachener herzlich eingeladen.

Damit gedenkt er der 1525 Opfer und 969 Verletzten der Bombennacht vom 11. April 1944.

OB Philipp: „Ich weiß, dass an diesem Tag viele, die Eltern, Geschwister, Freunde oder Nachbarn verloren haben, die Gräber aufsuchen. Ich würde mich freuen, wenn wir als Stadt das Gedenken an diesen Tag gemeinsam wachhalten. Für mich gehört der 11. April 1944 zu den großen Katastrophen, die die Stadt im 20. Jahrhundert erlebte. Die Erinnerung an diesen Tag mahnt uns zum Frieden.“

„Die Leute sollen sich vertragen und keine Kriege anzetteln, die so viel Elend über die Welt bringen.“

Caroline Reinartz

Kommentar: Entweder man redet über Geschichte, dann bitte ohne die politische Einschränkung, bestimmte Verbrechen außen vor zu lassen, oder man macht sich mit schuldig, indem man Verbrechen nicht als solche benennt. Bomber Harries, von den Britten noch vor wenigen Jahren mit einem Denkmal geehrt, war ein Kriegsverbrecher und hat hunderttausende Zivilisten mit Vorsatz getötet, ohne das dies einen militärischen Nutzen gehabt hätte. Er wurde nicht in Nürnberg angeklagt, warum? So etwas nennt man Siegerjustiz und hat mit Recht nichts gemein!

Eine fatale Folge dieser Siegerjustiz war, dass der internationale Gerichtshof in Den Haag so spät erst entstanden ist. Kein Land auf der Welt wollte ein 2. Nürnberg.  

"Putins Ideologie hat faschistische Wurzeln"

Nachrichten-Artikel vom 29.03.2014 09:40

Wo einst die “Blutlande” lagen, die Orte von Massen- und Völkermord, hat eine europäische Revolution stattgefunden. Warum wendet sich Europa ab? Warum findet Russlands Vorgehen so viel Verständnis?

Den Artikel können Sie hier lesen: http://www.welt.de/kultur/article126343016/Putins-Ideologie-hat-faschistische-Wurzeln.html

Bei der Invasion gab es Exzesse auf beiden Seiten

Bei der Invasion gab es Exzesse auf beiden Seiten

Nachrichten-Artikel vom 01.03.2014 05:16

Der Kampf in der Normandie war alles andere als “sauber”, zeigt der Militärhistoriker Peter Lieb. Kriegsverbrechen begingen Alliierte wie Deutsche. Doch gegeneinander aufrechnen kann man sie nicht.

Den Artikel können Sie hier lesen: http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article125306878/Bei-der-Invasion-gab-es-Exzesse-auf-beiden-Seiten.html

„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Eichmann denken muss“

Mi, 29. Jan. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Die Seite Drei / Seite 3

„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Eichmann denken muss“

Noch heute bekommt der Jurist Bach Herzrasen, wenn er sich an die beklemmenden Aussagen von Holocaust-Opfern über das Morden in Auschwitz erinnert

Der Eichmann-Prozess, sagen Sie, hat Deutschland und die Welt beeinflusst. Hat er auch Ihr Leben verändert?

Bach: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Eichmann und an diesen Prozess denke. Es gab einen ungarischen Zeugen, der vor Gericht über die perfiden Postkarten berichten sollte, die ungarische Juden auf Befehl von Eichmann in Auschwitz ihren Freunden und Verwandten schreiben mussten, bevor sie in die Gaskammern gebracht wurden. Darin sollten sie schreiben, sie seien an einem wunderschönen Ort, es gebe aber nicht viel Platz. „Also kommt so schnell wie möglich.“ Außerdem sollten sie gute Schuhe mitbringen, angeblich für Ausflüge. Die Schuhe brauchte die deutsche Wehrmacht. Man hat sie den Menschen abgenommen, bevor sie in die Gaskammern gestoßen wurden. Wir wussten damals von den Postkarten, kannten aber diese Einzelheiten nicht.

Unfassbar.

Bach: Ja. Aber das war nicht alles. Der Zeuge hat dann berichtet, wie in Auschwitz die Selektion abgelaufen ist. Seine Frau und seine zweijährige Tochter wurden nach links direkt in den Tod geschickt. Er wurde nach rechts abkommandiert. Der Zeuge beschrieb, wie das Mädchen in einem roten Mantel der Mutter nachlief. „Der rote Punkt wurde immer kleiner. So verschwand meine Familie aus meinem Leben“, sagte der Zeuge. Daraufhin verschlug es mir die Stimme. Ich hatte meiner damals zweijährigen Tochter kurz zuvor einen roten Mantel gekauft. Ich konnte drei oder vier Minuten nicht reden. Noch heute bekomme ich plötzlich Herzrasen, wenn ich in einem Fußballstadion oder in einem Restaurant ein kleines Mädchen in einem roten Mantel sehe.

War Adolf Eichmann für Sie das personifizierte Böse?

Bach: Er ist jedenfalls der einzige Mensch, der jemals in Israel zum Tode verurteilt wurde. Und ich habe keinen Zweifel: Wenn irgendein Mensch diese Strafe verdient hatte, dann Adolf Eichmann. Manche Leute behaupteten, er sei ja nur Befehlsempfänger gewesen. Das ist absolut falsch. Ein Beispiel? Am Ende des Krieges sagte Eichmann: „Ich weiß, der Krieg ist verloren. Aber ich werde meinen Krieg noch gewinnen.“ Und dann fuhr er persönlich nach Auschwitz, um die Zahl der Tötungen von 10 000 auf 12 000 pro Tag zu erhöhen. Nach seiner Verhaftung noch zeigte er sich stolz über jeden Fall, in dem er die Rettung von Juden hatte verhindern können.

Wie haben Sie ihn persönlich erlebt?

Bach: Er hatte manchmal einen animalischen Ausdruck im Gesicht, der beängstigend war. Ich hatte sogar den Eindruck, dass er seine Verteidiger einschüchterte. Ich habe ihn dann anonym von einem Schweizer Gutachter untersuchen lassen – weil ich verhindern wollte, dass er auf unzurechnungsfähig plädiert. Die Experten zeigten ihm und anderen Testpersonen Bilder von vielen verschiedenen Menschen, darunter grausame Mörder und Sadisten, aber auch Nobelpreisträger. Er musste die fünf Köpfe auswählen, die ihm am besten gefielen. Nach einigen Tagen bekam ich eine Nachricht. Der Gutachter bat um zusätzliches Material. Warum, fragte ich? „Weil ich in meiner ganzen Praxis noch nie einen Fall von solch mörderischen Instinkten hatte“, sagte er.

Heute in Aachen: Vortrag in der jüdischen Gemeinde

Die jüdische Gemeinde Aachen, Synagogenplatz 23, lädt heute, 29. Januar, zu einer Veranstaltung mit Gabriel Bach ein. Der stellvertretende Chefankläger im Eichmann-Prozess wird ab 18 Uhr über seine Erinnerungen sprechen.

Der Eintritt ist frei. Ein gültiger Personalausweis ist mitzubringen.

Der neue Namensgeber einer Aachener Kaserne: Soldat, Wissenschaftler, Aachener – und Jude

Mi, 22. Jan. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Spezial / Seite 8

Zur Person

Der neue Namensgeber: Soldat, Wissenschaftler, Aachener – und Jude

Die vormalige Gallwitz-Kaserne ist nun nach Dr. Leo Löwenstein benannt. Die Begründung der Bundeswehr für den Wechsel fällt allerdings arg nüchtern aus.

E Mensch: Leo Löwenstein wurde am 8. Februar 1879 in Aachen geboren. Er hatte mit seiner Frau Anna die beiden Töchter Marianne und Kathe­rine. Löwenstein leistete später Zwangsarbeit in Berlin und wurde 1943 mit seiner Frau in das KZ Theresienstadt deportiert. Nach der Befreiung lebten sie in Schweden und Norwegen, ab 1954 in der Schweiz.

E Soldat: Löwenstein trat 1901 als Freiwilliger in die Bayerische Telegrafen-Kompanie ein und wurde 1902 zur Reserve entlassen. Ab dem 6. August 1914 nahm er in einem Nachrichten-Bataillon am Ersten Weltkrieg teil. 1916 wurde er zum Hauptmann der Reserve befördert. Für seine Verdienste wurde ihm das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen.

E Forscher: Dem promovierten Chemiker wurden in der Zeit von 1905 bis 1942 mehr als 25 Patente erteilt. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges erfand er das „Schallmessverfahren“, mit dem es möglich war, den Standort einer Schallquelle, zum Beispiel einer feuernden Kanone, zu ermitteln. Das Messsystem bestand aus vielen präzisen Mikrofonen. In modernisierter und verfeinerter Form wird es von verschiedenen Armeen noch heute benutzt.

E Initiator: Löwenstein gründete im Februar 1919 einen jüdischen Soldatenbund, der sich 1920 mit anderen Ortsgruppen zum Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) zusammenschloss. Sein Ziel war die Wahrung der Ehre aller jüdischen Frontsoldaten. Der Reichsbund umfasste Mitte der zwanziger Jahre 60 000 Mitglieder.

Von Christian Rein

Aachen. Es ist nicht recht überliefert, was Leo Löwenstein für ein Mensch war. Auch seine Enkel tun sich an diesem Nachmittag schwer, den Mann zu charakterisieren, der im Mittelpunkt der Veranstaltung steht. Den Mann, nach dem seit gestern eine Kaserne in seiner Geburtsstadt Aachen benannt ist. Irene Hollander und Dan Löwenstein, die extra aus Jerusalem und aus Helsingborg für den Ehrentag ihres Großvaters angereist sind, waren schlicht noch Kinder, als sie Leo Löwenstein erlebten. Und doch sind die Ausführungen der Enkel die bewegendsten Momente der Feierstunde, mit der die Namensänderung der Kaserne begangen wird. Als „starken Charakter“ würdigt Irene Hollander ihren Großvater, als aufrichtigen Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Ehrlichkeit, als Respektsperson: Gibt es bessere Gründe, sich so jemanden als Namensgeber auszusuchen? Wohl kaum. Aber das wichtigste Merkmal an der Person Leo Löwenstein, das auch die Namensände rung der Kaserne wirklich besonders macht, ist ein anderes: Er war Jude.

Das Erstaunlichste an der Namensänderung wiederum ist, dass diese Tatsache für die Bundeswehr nur eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin: Es hat die Entscheidung für Leo Löwenstein „bestärkt“, wie Brigadegeneral Michael Hochwart sagt. Er ist Kommandeur der Technischen Schule Landsysteme und Fachschule des Heeres für Technik, zu der die Löwenstein-Kaserne gehört.

Bislang hatten nur ausgesprochen wenige der knapp 400 Bundeswehr-Standorte einen jüdischen Namensgeber. Genau gesagt waren es zwei: die Wilhelm-Frankl-Kaserne in Neuburg an der Donau (Baden-Württemberg) und die Dr.-Julius-­Schoeps-Kaserne in Hildesheim (Niedersachsen), die jedoch im Jahr 2003 im Zuge der Truppenreduzierung geschlossen wurde. Seit gestern nun heißt die bisherige Gallwitz-Kaserne in Aachen Dr.-Leo-Löwenstein-Kaserne.

Was hat zur der Namensänderung geführt? Als der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière im vergangenen Sommer Aachen besuchte, sagte er: „Der Name einer Kaserne soll für die Soldaten Vorbild sein und nicht Problem.“ Der Name Gallwitz-Kaserne war aber Problem. Denn der Armeeführer im Ersten Weltkrieg und General der Artillerie Max von Gallwitz (1852-1937) war ein Antidemokrat und ein Antisemit.

Das festzustellen, überlässt Brigadegeneral Hochwart freilich anderen, zum Beispiel dem Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp: „Wer in den Jahren der ersten deutschen Demokratie an einer Gründungsversammlung eines antidemokratischen Bündnisses wie der Harzburger Front teilnahm und im Ruf steht, ein Antisemit zu sein, kann kein Vorbild für unsere Soldaten sein“, attestiert er von Gallwitz. „Und wenn der Name einer Kaserne für die Soldaten zum Problem wird, ist dies zugleich auch ein Problem für die Stadt, in der sich die Kaserne befindet.“

Angesichts solch klarer Worte mutet die Begründung, die Hochwart für die Umbenennung liefert, nüchtern an. Der Kommandeur bezieht sich lediglich darauf, dass von Gallwitz Artillerist gewesen sei: „Bei uns hier in Aachen gibt es nunmehr seit 1969 keine Artillerie mehr. Die Stadt ist aber seit 1962 Heimat der Instandsetzungstruppe. Mit dem Namen Gallwitz verbinden unsere Soldaten kaum mehr etwas.“ Der neue Namensgeber sollte entsprechend verdienter Soldat sein, Techniker, Ingenieur oder Wissenschaftler, verdienter Bürger des Landes und einen Bezug zu Aachen haben. Und nach diesen Kriterien sei man auf Löwenstein gekommen. Das klingt reichlich pragmatisch.

Bunker repräsentieren Aachener Bürger

Mi, 15. Jan. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Lokales / Seite 16

Bunker repräsentieren Aachener Bürger

In New York lebende Musiker Christian Fabian Bausch meldet sich in der Diskussion um den Bunker Rütscher Straße zu Wort:

Ich lebe seit 18 Jahren in den USA und bin in Aachen aufgewachsen. Meine Eltern halten mich bezüglich Aachen auf den laufenden, unter anderem was die Zukunft der Aachener Bunker, vor allem am Lousberg, anbetrifft. Ich bin mit den Bunkern in Aachen aufgewachsen und habe in und um sie herum gespielt, erst als Kind und dann als angehender professioneller Musiker. Sie sind mir aus vielen Gründen ans Herz gewachsen. Viel hat sich für mich verändert aus der Ferne und die gesamte deutsche Geschichte steht jetzt in einem anderem Licht. Seitdem ich in den USA wohne, habe ich viele Deutsche kennen gelernt, persönlich, beruflich und in deutschen Clubs, die ja hier in den USA zahlreich vorhanden sind. Meine anfängliche Zurückhaltung den Deutschen gegenüber hier in den USA hat sich zu einer warmen Herzlichkeit gewandelt. Deutsche sind warmherzig, freundlich und aufgeschlossen und die Deutschen wissen, wie man mit Freude feiern kann und schließen alle miteina nder ein, egal wo sie aus der Welt herkommen. Dieses ist meine Erfahrung und ich bin nach Jahren wirklich stolz, ein Deutscher zu sein.

Leider wissen wir gar nichts darüber, was die deutschen Normalbürger in Aachen in der Kriegszeit erlebt haben. Politisch wissen wir alles aus Geschichtsbüchern und Medien. Ob Marlene Dietrich jetzt mit den amerikanischen Truppen dabei war oder nicht, die Familien, Großeltern und Kinder, die in den Bunkern um das nackte Überleben gezittert haben, würde das überhaupt nicht interessieren. Sie wussten noch nicht mal, ob ihr Haus noch steht, Nachbarn noch leben oder sie selber überleben werden. Die Bunker repräsentieren Aachener Bürger und sollten für diese in Ehren gehalten werden. Ich würde gerne Bilder aus den Archiven sehen, Geschichten lesen, und Familien kennenlernen die diese Zeit überlebt haben. Es hat sich viel in diesen Bunkern abgespielt, Tränen sind im Überfluss geflossen. Mit dem weiterem Abriss der Aachener Bunker radieren wir die Geschichte der Aachener Normalbürger total aus. Da diese Geschichte(n) in keiner Schule und i n keinem Unterricht erzählt wird, ist es den Personen in Verantwortung überlassen, dieses zu tun, oder den großen Bauinvestoren, es nicht zu tun.

Bürgerstiftung erinnert an 70 Jahre Frieden

Mi, 15. Jan. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Lokales / Seite 15

Bürgerstiftung erinnert an 70 Jahre Frieden

Ein großes Projekt wird initiiert, um an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Aachen zu erinnern. Zeitzeugen werden interviewt und erzählen von ihren Erinnerungen. Auch Schüler sollen mitmachen. Ebenso US-Veteranen.

Von Georg Dünnwald
und Jana Hilgers

Aachen. Neun Zeitzeugen haben Martin Borgmann schon Rede und Antwort gestanden. Sie kramten in ihren Erinnerungen an den 21. Oktober 1944. Das war der Tag, an dem die ehemalige Kaiserstadt von den Amerikanern erobert wurde. Damit hatte der Zweite Weltkrieg in Aachen ein Ende. In diesem Jahr jährt sich die Aachener Kapitulation zum 70. Mal. Deshalb will die „Bürgerstiftung Lebensraum Aachen“ ein großes Projekt anstoßen, um an diese Zeit zu erinnern. „Aachen war der kleine Teil in Deutschland, der als erstes befriedet wurde“, sagt Hans-Joachim Geupel, der Vorsitzende der Stiftung.

Angestoßen vom Abriss des Bunkers Rütscher Straße am Lousberg, der inzwischen unter Protest der Bürgerinitiative Lousberg-Bunker begonnen hat, möchte er den Aachenern mit seinem Projekt bewusst machen, dass sie bereits 70 Jahre in Frieden und Freiheit leben dürfen. Geupel ist es wichtig, dass sie dies wertschätzen und durch das Projekt am Vergessen gehindert werden.

Ein wichtiger Baustein seines Projektes sind die von dem Sozialwissenschaftler Martin Borgmann geführten Interviews mit Zeitzeugen. Seit November vorigen Jahres engagiert sich Borgmann ehrenamtlich in der Stiftung. Bisher hatte er die Möglichkeit mit vier Frauen und fünf Männern im Alter von 77 bis 99 Jahren über ihre Erinnerungen an die Zeit von September 1944 bis Mai 1945 zu sprechen. „Mir laufen Schauer über den Rücken, wenn ich die Geschichten höre“, beschreibt Borgmann. „Die Menschen erzählen sehr emotional. Aber ich spüre ihren Willen, etwas zu hinterlassen. Sie wünschen sich, dass ihre Geschichten nicht vergessen werden und haben das Bedürfnis sich zu öffnen“, sagt er weiter.

Frei erzählen

In den etwa dreistündigen Gesprächen, die Martin Borgmann mit den Zeitzeugen führt, lässt er sie frei erzählen. Jeder einzelne Bericht ist dabei individuell anders. „Die 99 Jahre alte Dame war zum Zeitpunkt der Aachener Kapitulation hochschwanger. Sie wusste nicht, in welche Richtung sie sich orientieren sollte“, berichtet Borgmann. Einer der Interviewten war „Nachrichten“-Fotograf Martin Ratajczak. Nicht nur er, sondern auch alle anderen Interviewten, bekannten sich zur Angst. Angst vor der Rückkehr der „Braunen“. „Bemerkenswert ist, keiner sagte Nazis, alle sprachen nur von den Braunen“, erinnert sich Borgmann. „Die Dankbarkeit der Zeitzeugen gegenüber den Amerikanern war in den Gesprächen unübersehbar. Sie fühlten sich erleichtert und befreit. Doch trotzdem war ihre Angst vor einem eventuell wiederkehrenden Terror der Deutschen größer denn je“, weiß Borgmann.

Neben den Interviews, für die noch Zeitzeugen gesucht werden, sind jedoch auch die modernen Medien ein wichtiger Stützpunkt des Projektes. Die Internetseite www.freeaachen44.de soll demnächst mit Berichten und Bildern zum Thema Aufarbeitung der Kapitulation Aachens gefüllt werden. Um auch die Jugendlichen zu erreichen, soll von Juni 2014 bis zum 8. Mai 2015 (Gedenktag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht) täglich ein kurzer Satz zu diesem Thema auf Twitter gepostet werden. Desweiteren wird gemeinsam mit der Volkshochschule ein Schülerprojekt ins Leben gerufen. Ebenfalls der Aachener Geschichtsverein zeigt Interesse an einer Beteiligung. Im Rahmen von Projektarbeiten oder -wochen sollen sich Schüler mit dem Thema Frieden und Freiheit befassen. Außerdem beschäftigt sich das Projekt damit, einen neuen Erinnerungsort zu schaffen. Darüber machen sich zurzeit RWTH-Professor Michael Schulze und seine Studenten Gedanken.

US-Generalkonsul nimmt teil

Wichtig sind Geupel auch die Erinnerungen amerikanischer Soldaten an die Kapitulation Aachens, die erhalten bleiben sollen. Daher hat der US-Generalkonsul Stephen A. Hubler sofort zugesagt, amerikanische Veteranenverbände zu kontaktieren und am 21. Oktober 2014 zur abschließenden Veranstaltung des Projekts in den Ballsaal des Alten Kurhauses zu kommen. „So kann nach und nach aus verschiedenen Mosaiksteinen ein Gesamtbild dieser Zeit entstehen“, fasst Geupel das Projekt zusammen. Auch amerikanische Schüler sind eingeladen, mitzumachen. e_SClB

„Ich spüre ihren Willen, etwas zu hinterlassen.“

Martin Borgmann über die Interviews mit den Zeitzeugen

Justiz stabilisierte das NS-Regime

Fr, 10. Jan. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Region und NRW / Seite 10

Justiz stabilisierte das NS-Regime

Juristen und Historiker gehen in Forschungsprojekt der Rechtssprechung von 1933 bis 1945 im Bereich des Oberlandesgerichts Köln nach. Keine gesonderten Untersuchungen zu Aachen. Letzte Studie von 1998.

Von Claudia Schweda
und Katharina Hölter

Köln/Aachen. Die Justiz im Bezirk des Oberlandesgerichts Köln hat sich während des Zweiten Weltkriegs stärker am Erziehungskonzept des NS-Regimes beteiligt als bislang bekannt. Das geht aus Forschungsergebnissen von Juristen und Historikern hervor, die ihre Studie gestern in Köln vorstellten.

Einerseits habe die Justiz den „Terror“ mitgetragen und sei konsequent gegen Regimekritiker vorgegangen, sagte einer der Leiter des Forschungsverbundes, Hans-Peter Haferkamp. Andererseits hätten Gerichte aus ideologischen Gründen auch „großzügig“ gehandelt, um die Zufriedenheit der Bevölkerung in Zeiten des Krieges nicht zu gefährden.

Im Fokus der Untersuchungen standen ordentliche Gerichte wie Amts- und Jugendgerichte während des Zweiten Weltkriegs. Die Historiker fanden heraus, dass die Justiz Jugendliche, die ohne den im Krieg kämpfenden Vater aufwuchsen, häufig mit Nachsicht behandelte. Als weiteres Beispiel nannte Haferkamp die Sanktionen gegenüber Frauen, die tagelang der Arbeit fernblieben. Argumentierten sie vor Gericht im Sinne der NS-Ideologie und erklärten, sie hätten Bombenopfern geholfen, wurden sie milde behandelt. Ex­trem scharf wurde laut Untersuchung geurteilt, wenn eine Frau Kontakt zu anderen Männern hatte, während der eigene Ehemann an der Front kämpfte.

„Außerdem hing es sehr stark von der Gesinnung des Einzelnen ab, welches Ergebnis herauskam“, ergänzte Kuratoriumsmitglied Joachim Arntz – früherer Präsident des Kölner Verwaltungsgerichts. Dass die Justiz in Köln aufgrund der christlichen und liberalen Historie der Stadt milder gehandelt habe, sei ein Mythos. „Sie waren klar Teil der Verfolgungsmaschinerie“, sagte Haferkamp über die damaligen Staatsdiener.

Im Zuge des Projektes hat es keine gesonderten Untersuchungen zur Arbeit an den Gerichten des Aachener Bezirks gegeben, der zum OLG-Bezirk Köln gehört. Es sei mehrfach überlegt, aber bislang nicht durchgeführt worden, sagte Joachim Arnzt. Stefan Weismann, Aachener Landgerichtspräsident und Kuratoriumsmitglied des historischen Forschungsprojekts, hat dennoch einen speziellen Blick auf seinen Gerichtsbezirk geworfen, dabei aber feststellen müssen, dass die Strafrechtspflege zur NS-Zeit „insbesondere in Aachen noch nicht wissenschaftlich untersucht ist“. So lägen zum Beispiel keine Erkenntnisse darüber vor, wie viele Richter im Landgerichtsbezirk Mitglieder der NSDAP waren – im Gegensatz zum Kölner Bezirk, wo bekannt sei, dass 1936 78 Prozent der Richter ein Parteibuch hatten.

Nachweisbar sei aber, dass auch in Aachen die damaligen Machthaber von den Eingriffsmöglichkeiten des von ihnen neu geregelten Berufsbeamtengesetzes rege Gebrauch gemacht hätten: Ihnen in politischer Hinsicht unzuverlässig erscheinende Richter und Beamte seien sehr schnell nach der Machtübergabe entfernt worden. Zudem spielte ihnen im Falle des Aachener Landgerichtspräsidenten Josef Oppenhoff dessen anstehende Pensionierung in die Hände. Denn genehm dürfte den Nazis der Richter nicht gewesen sein, der in den 20er Jahren zweimal für die Zentrumspartei in den Preußischen Landtag eingezogen war. Zum neuen Landgerichtspräsidenten wurde Karl Hermanns bestimmt. Ein Mann, der – wie es Weismann ausdrückt – „seine Karriere augenscheinlich der NSDAP verdankte“. Hermanns war bereits am 1. Februar 1932 Parteimitglied geworden, also kurz nach Aufhebung des Verbots für preußische Beamte, in die NSDAP einzutreten.

In dem einzigen ausführlichen Beitrag zur Rolle der Aachener Justiz in der NS-Zeit kommt der frühere Aachener Amtsgerichtsdirektor Martin Birmanns 1998 zu dem Ergebnis, dass es in den von ihm untersuchten Fällen keinen direkten Einfluss auf Richter von außen gab. Aber die Justiz hätte mit in Gesetzesform gegossenem Unrecht agieren müssen: „Dem beugten sich angepasste Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Notare in einer angepassten Gesellschaft auch im Landgerichtsbezirk Aachen.“

Vor zehn Jahren hatten Anwälte, Staatsanwälte, Richter und Notare nach OLG-Angaben beschlossen, aktiv die Geschichte der Justiz mit aufzuarbeiten. In Kooperation mit Historikern und Juristen der Universität Köln hat man nun umfangreiche Untersuchungen abgeschlossen. Das Gericht sprach von einer „in der Bundesrepublik Deutschland in dieser Form einmaligen Zusammenarbeit von Justiz und wissenschaftlicher Forschung“.

Nur wer sich der Gefahren bewusst bleibe, „wird neuen Gefahren rechtzeitig begegnen können“, sagte Arntz. Der Blick für rechtsstaatliche Grundsätze müsse geschärft werden. In den Forschungsberichten sei deutlich geworden, „wie verführbar und beeinflussbar auch Juristen sind, die eine entsprechende Ausbildung durchlaufen haben“. Die bisherigen Forschungsergebnisse sollen laut Arntz noch ausgebaut werden. In einem Anschlussprojekt werde die „Justiz im Systemwechsel“ betrachtet. Im Fokus steht dann die Geschichte der Justiz im Raum Köln, Bonn und Aachen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau.

„Nur wer sich der Gefahren bewusst bleibt, wird neuen Gefahren rechtzeitig begegnen können.“

Joachim Arntz, Ex-Präsident des Kölner Verwaltungsgerichts