Ohne Grenze fehlt den Menschen etwas

Mi, 31. Jul. 2013
Aachener Nachrichten – Stadt / Region und NRW / Seite 10

„Ohne Grenze fehlt den Menschen etwas“

Ungewöhnliche Selfkant-Geschichte führt zu ungewöhnlichem Projekt: Gemeinsames Seminar von Maastrichter und Aachener Uni.

Von Claudia Schweda

Aachen/Maastricht. Die ungewöhnliche Nachkriegsgeschichte des Selfkant hat nun ein ungewöhnliches Universitätsprojekt hervorgebracht: Studenten der Aachener und der Maastrichter Universität konnten erstmals ein Seminar besuchen, das Professoren beider Universitäten zusammen angeboten haben und das an beiden Universitäten einen Leistungsnachweis ermöglicht. Kaum ein Thema könnte sich für diese Premiere der grenzüberschreitenden Kooperation in der Euregio mehr eignen, denn die Selfkänter gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg erst zu Deutschland, dann zu den Niederlanden und dann wieder zu Deutschland. „Sie haben ihre Nationalität gewechselt! Ein brillantes Forschungsobjekt für die Frage, wie Grenzen die Identitäten von Menschen beeinflussen“, sagt Peter Caljé, Professor für politische Kultur in Maastricht.

Die Niederländer hatten jahrelang nach dem Kriegsende eine Grenzverschiebung gefordert. Als Faustpfand dafür, dass die Deutschen Entschädigung für Kriegsschäden zahlen. Am 23. April 1949 erreichen sie ihr Ziel: Die etwa 6000 Bewohner im Selfkant werden Niederländer. „Wordt behandelt als Nederlander“, wird in ihren Pässen vermerkt. Acht Jahre später dann beginnen die offiziellen Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Niederlanden über die Rückgabe des Gebietes. Weitere sechs Jahre später gehört das Gebiet wieder zu Deutschland – nachdem 280 Millionen D-Mark in die Kasse des Königreichs der Niederländer geflossen sind. Auf dem Kalender steht der 1. August 1963. Genau am Donnerstag vor 50 Jahren.

Was macht es mit Menschen und ihrer Identität, wenn sie plötzlich eine neue Nationalität von außen übergestülpt bekommen? Für Kulturwissenschaftler und Historiker eine spannende Frage. Im speziellen Fall des Selfkants ist inzwischen klar: „Die Menschen im Selfkant haben sich unter niederländischer Auftragsverwaltung pudelwohl gefühlt“, sagt der Aachener Historiker Rüdiger Haude. Es war ihnen schlicht egal, ob sie Niederländer oder Deutsche waren.

Und ein Vorteil der Situation schälte sich schnell heraus: „Sie konnten zwei Kühe melken.“ Die Niederlande und Nordrhein-Westfalen lieferten sich einen regelrechten Sympathie-Wettkampf um die Selfkänter. Die einen finanzierten neue Straßen, die anderen unterstützten den Häuserbau. Zudem waren die Entbehrungen der Nachkriegszeit in Deutschland für die Neu-Niederländer vorbei. Sie profitierten vom Schmuggel. Welcher Nationalität sie angehörten, war den Menschen im Alltag egal. Für sie war das eine rein verwaltungstechnische Frage. Die Wissenschaftler sind sich einig: „Hätten die Menschen im Selfkant 1963 abstimmen können, hätten sich 70 Prozent für den Verbleib bei den Niederlanden ausgesprochen, obwohl sie sich im Herzen als Deutsche gefühlt haben“, sagt Haude. Dafür gab es einen schlichten Grund: Die Menschen hatten – wie 14 Jahre zuvor – einfach Angst: Damals war es eine Reise ins Ungewisse. Und nun fragten sie sich er neut, was sie nach der Rückgabe des Gebietes erwarten würde? Es ging ihnen doch gut!

Die Grenze hat die Identität der Menschen geprägt. Erzählungen über die Grenzüberwindung bildeten einen wichtigen Teil ihrer Lebenswahrnehmung – inklusive aller Widersprüche, sagt Haude: Einerseits werde die Grenze im Rückblick als ärgerliches Hindernis im Alltag beschrieben, andererseits seien die Menschen traurig, weil genau diese Grenze heute aus ihrem Alltag verschwunden ist. „Es ist spürbar, dass den Menschen in dieser Grenzregion etwas verloren gegangen ist.“ Ohne Grenze fehle ihnen etwas.

Rüdiger Haude, Privatdozent am Historischen Institut der RWTH Aachen, hatte die Idee zu dem ungewöhnlichen Kooperationsprojekt der Unis. 2011 hatte er für die Uni Maastricht Exkursionen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkriegs auf der deutschen Seite geleitet. In Peter Caljé fand er schnell einen Verbündeten. Bei historischen Fragestellungen lokale Archive zu nutzen, sei sehr wichtig, sagt Caljé. Doch Maas-tricht habe nur niederländische Dokumente: „Bei einem Projekt zum Selfkant war es nur naheliegend, mit Aachen zu kooperieren.“

Doch der erste Versuch, schon ein Jahr später aus der Geschichte des Selfkant ein gemeinsames Projekt zu machen, scheiterte: „Die Arbeitsstrukturen unserer Universitäten passen einfach nicht zusammen“, sagt Haude. Die deutschen Unis haben zwei Semester, die niederländischen fünf Arbeitsphasen. Die deutschen Studenten kommen wie in der Schule meist einmal pro Woche zu einem Seminar, die Maastrichter arbeiten fast nur projektbezogen mit forschungsorientiertem Lernen. Es dauerte ein Jahr, bis dafür – auch unterstützt vom Leiter des Historischen Instituts der RWTH Armin Heinen – eine Lösung gefunden war. Sie nutzten Projektphasen in Deutschland und bildeten aus den 31 Studenten sehr kleine Arbeitsgruppen. „So war es leichter für die Studenten, Termine zu finden“, sagt Haude.

Seit Mitte April haben die Studenten unzählige Ausgaben der Heinsberger Volkszeitung und der Limburger Tagezeitungen ausgewertet, zu zweit Zeitzeugen interviewt und Archivmaterial gewälzt. Sie haben sich auf die Suche danach gemacht, wie sich Identitäten in Grenzräumen herausbilden. Beim abschließenden Treffen in Maas­tricht haben sie jetzt erste Ergebnisse zusammengetragen. Ein Gesamtbild wird sich erst ergeben, wenn die Studenten für ihre Abschlussarbeiten aus ihren jeweiligen Interviews oder Archiv- und Zeitungsauswertungen die Details herausgearbeitet haben. Am 13. Oktober werden sie ihre Ergebnisse vor Ort, im Selfkant, präsentieren.

Ergebnis-Präsentation

in Millen am 13. Oktober

Die Seminarteilnehmer aus Aachen und Maastricht präsentieren ihre Ergebnisse aus Zeitzeugeninterviews, Zeitungsanalyse und Archivauswertung am 13. Oktober im Selfkant: Ab 15 Uhr sind an diesem Tag alle Interessierten in die Zehntscheune in Millen eingeladen.

„Hätten die Menschen im Selfkant 1963 abstimmen können, hätten sich 70 Prozent für den Verbleib bei den Niederlanden ausgesprochen, obwohl sie sich im Herzen als Deutsche gefühlt haben.“

Rüdiger Haude, Historiker

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