Russische Gewalttäter: Hooligans mit besten Verbindungen

SPIEGEL ONLINE, 14.06.2016

Russische Hooligans verfügen offenbar über beste Kontakte zur Politik.

Der Sprecher des russischen Fanverbandes war in den Neunzigerjahren ein führendes Mitglied der Neonaziszene.

Von Thomas Dudek

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Russische Gewalttäter: Hooligans mit besten Verbindungen

Von Thomas Dudek

Russische Hooligans verfügen offenbar über beste Kontakte zur Politik. Der Sprecher des russischen Fanverbandes war in den Neunzigerjahren ein führendes Mitglied der Neonaziszene.

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AP

Russische Hooligans in Marseille

Es war eine symbolische Szene. Russlands Sportminister Witalij Mutko feierte den späten 1:1-Ausgleich seines Teams gegen England vor dem Block der russischen Fans und das ausgerechnet in dem Moment, als russische Hooligans ihren Angriff auf die englischen Fans im Stadion von Marseille begannen.

Mutko hat momentan nicht viel zu lachen. Der drohende Ausschluss russischer Leichtathleten von den anstehenden Olympischen Spielen in Rio, über den am Freitag der Internationale Leichtathletikverband IAAF entscheiden wird, sowie die neusten Vorwürfe, Mutko persönlich habe positive Dopingproben unter den Tisch fallen lassen, all das macht ihm das Leben nicht gerade leicht.

Was für ein Lichtblick war da für Mutko der 1:1-Ausgleich durch Vasili Berezustki gegen England. Wie einen Sieg feierte der Sportminister, der seit dem vergangenem Jahr auch erneut Präsident des russischen Fußballverbandes RFS ist und seit Jahren im Exekutivkomitee der Fifa sitzt, das Unentschieden gegen die favorisierten Engländer.

Was vor und nach dem Spiel passierte, wirft allerdings einen weiteren dunklen Schatten auf den russischen Sport – auch im Hinblick auf die WM 2018, die in Russland ausgetragen wird. „Was hat denn dies mit der WM 2018 zu tun“, antwortete Mutko schroff auf dementsprechende Fragen der Journalisten. Was verwundert, wenn man auf die Ereignisse der vergangenen Jahre zurückblickt. Denn es ist nicht das erste Mal, dass russische Hooligans negativ auffallen. Sowohl bei Champions-League-Partien als auch in der heimischen Liga sorgten diese durch rassistische Beleidigungen wiederholt für negative Schlagzeilen. Und auch die Auftritte der russischen Nationalmannschaft bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine wurden teilweise von Gewaltausbrüchen der eigenen Fans überschattet.

Fansprecher mit dunkler Vergangenheit

Die EM 2012 war auch die erste große internationale Bühne, auf der sich Alexander Schprygin präsentieren konnte. Durch Verharmlosung der Vorfälle fiel der Vorsitzende des Dachverbands russischer Fußballfans (VOB) während des Turniers immer wieder negativ auf. Eine Strategie, die Schprygin auch in Frankreich verfolgt. „Der ganze englische Block ist einfach aufgestanden und weggelaufen. Da gab es keine Schlägereien“, erklärte Schprygin gegenüber russischen Medien.

Eine Aussage, die auch in Russland für Kopfschütteln gesorgt hat. Denn Schprygin ist kein Unbekannter. Seit 2007 ist dieser Vorsitzender des von ihm gegründeten VOB sowie ehemaliges Mitglied des Exekutivkomitees des Fußballverbandes RFS. Heute sitzt er im Verbandskomitee, welches sich mit Sicherheitsfragen sowie Fanbelangen beschäftigt.

Doch Schprygin ist nicht allein wegen dieses Amtes bekannt, sondern wegen seiner Vergangenheit. In den Neunzigerjahren war er ein führendes Mitglied der russischen Neonazi-Szene sowie einer der Anführer der Dynamo-Moskau-Hooligans. Einschlägige Fotos aus dieser Zeit zeigen ihn mit dem zum Hitlergruß erhobenen Arm neben dem Sänger der faschistischen Metal-Band Korrosija Metalla, deren Texte es zum Teil in Russland auf den Index geschafft haben. Auf einem weiteren Foto, das im Internet kursiert, posiert er neben einer Person, die sich als Adolf Hitler verkleidet hat.

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Schprygin (r.) mit Sänger der Neo-Nazi-Band Korrozia Metalla

Ansichten, die Schprygin bis heute offenbar nicht geändert hat. In einem Interview für „Sowetskij Sport“ vom vergangenen Jahr äußerte Schprygin offen, dass er in der russischen Nationalmannschaft nur slawische Spieler sehen möchte und nannte als Negativbeispiel die französische Nationalmannschaft. Trotzdem brachte er das Kunststück fertig, sich wenige Zeilen vorher als Antifaschisten zu bezeichnen.

Im Video: Russische Hooligans und die Neonazi-Szene

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YouTube/Times Mine, Spiegel Online

Doch seiner Karriere hat diese Vergangenheit nicht geschadet. Was auch daran liegt, dass Schprygin gut vernetzt in der russischen Politik ist. Für Igor Lebedew, Sohn des rechtsextremen Politikers Wladimir Schirinowski und stellvertretender Vorsitzender der Duma, arbeitet Schprygin als parlamentarischer Mitarbeiter. Zudem sitzt Lebedew auch im Präsidium des russischen Fußballverbandes, was Schprygin auch seine Position innerhalb des RFS sichert. Denn der wichtigste russische Fußballfan ist dort alles andere als unumstritten. Als 2010 innerhalb des Dachverbands russischer Fußballfans VOB ein Korruptionsskandal publik wurde, in den auch Schprygin verwickelt war, wollte Mutko Schprygin und den VOB loswerden. Dies jedoch ohne Erfolg.

Dachverband als Sammelbecken für Hooligans

Mit dem Ergebnis, dass der VOB bis heute für den Verkauf von Auswärtstickets der russischen Nationalmannschaft sowie der Organisation der Auswärtsfahrten zuständig ist. Ein Dachverband russischer Fans, den Schprygin zu einem Sammelbecken für führende russische Hooligans gemacht hat.

Als im März dieses Jahres eine offizielle Delegation des RFS sowie des VOB die Spielstätten der russischen Nationalmannschaft in Frankreich besuchte, war nicht nur Schprygin dabei, sondern auch Aleksandr Rumjantzew. Dieser war bis vor Kurzem der führende Kopf von Landskrona, der größten Ultragruppierung von Zenit St. Petersburg. Rumjantzew ist verantwortlich für das berühmt-berüchtigte Manifest von 2012, in dem man sich gegen dunkelhäutige und homosexuelle Spieler in den Reihen von Zenit ausspricht.

Wie eng verbunden der VOB bis heute mit der russischen Hooliganszene ist, zeigten die Ereignisse von Marseille. Mit einer vom VOB organisierten Chartermaschine kamen die russischen Hooligans am 10. Juni in der südfranzösischen Metropole an. Fünf der Teilnehmer haben die französischen Behörden laut Meldungen russischer Medien schon am Flughafen die Einreise verweigert.

Einen Tag nach dem Spiel flogen diese mit einer weiteren Chartermaschine in die Heimat. Flüge, welche die Hooligans übrigens nicht bezahlen mussten, wie in Moskau gemunkelt wird. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name Igor Lebedew. Jener Lebedew, der zu den brutalen Schlägereien in Marseille nur „Gut gemacht, Jungs“, über Twitter verlauten ließ.

Dies dürfte auch der Hauptgrund sein, weshalb die französischen Sicherheitsbehörden bisher keinen einzigen Verdächtigen aus Russland verhaftet haben, wie der französische Generalstaatsanwalt Brice Robin beklagte. Was dazu führte, dass viele hinter den Ausschreitungen – auch weil die russischen Schläger durch „ultraharte und ultraschnelle Gewalt“ auffielen, wie Robin erklärte – Provokateure des Kreml vermuten. Was jedoch nichts mehr als eine Verschwörungstheorie ist.

„Die Franzosen deportieren uns“

„Die Schläger in Frankreich kamen vor allem von Zenit St. Petersburg, Lokomotive Moskau, Spartak, Torpedo Moskau, Orel und Jekaterinenburg. Den berüchtigsten Hooligan-Gruppierungen im russischen Fußball“, erklärt Pavel Klymenko, der bei der internationalen Fanvereinigung Fare, einem offiziellen Partner der Uefa, für Osteuropa tätig ist, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Und diese Schläger scheinen es offenbar auch nur auf die Engländer abgesehen zu haben. „Die Engländer haben immer erzählt, dass sie die härtesten Hooligans sind. Wir sind nach Marseille gekommen, um ihnen zu zeigen, dass sie Schwächlinge sind“, sagte ein Hooligan von Lokomotive Moskau dem russischen Onlineportal Sports.ru.

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Krawalle in Marseille: Bekanntes Problemklientel

Eine Erklärung, die sicherlich nicht nur in den nächsten Spielorten der russischen Nationalmannschaft mit Erleichterung aufgenommen werden dürfte, sondern auch beim russischen Fußballverband. Diesem drohte die Uefa mit einem Turnierausschluss, falls es noch einmal zu Ausschreitungen durch russische Fans kommen sollte.

Eine Drohung, die bei den Verantwortlichen des VOB offenbar nicht angekommen ist. „Die Franzosen deportieren uns“, twitterte Alexander Schprygin sofort, als französische Beamte seinen Bus nach Lille stoppten und pflegte mal wieder den Opfermythos.

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