Russland enttäuscht über westlichen Boykott am 9. Mai

Mi, 25. Mär. 2015
Aachener Nachrichten – Stadt / AN Politik / Seite 5

Russland enttäuscht über westlichen Boykott am 9. Mai

Die meisten EU-Staaten und die USA haben Teilnahme an der Militärparade zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Moskau abgesagt

Von Ulf Mauder

Moskau. Kaum etwas trifft die Russen so hart wie der Boykott des Westens zum Weltkriegsgedenken – keine Sanktionen der USA und der EU im Ukraine-Konflikt oder auch das Fehlen westlicher Staats- und Regierungschefs bei den Olym- pischen Winterspielen in Sotschi vor einem Jahr. Dass 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 9. Mai, dem Tag des Sieges der Roten Armee über Hitlerdeutschland, die Verbündeten von einst wegbleiben, ist für Moskau ein beispielloser Affront von einschneidender Bedeutung.

Zu Tausenden kommen die Veteranen zur Siegesfeier in die russische Hauptstadt. Viele sind über 90 Jahre alt. Wie zum 60. Jahrestag sind Einladungen in alle Welt verschickt worden. 2005 kamen noch viele – auch Kanzler Gerhard Schröder und US-Präsident George W. Bush, um den Veteranen die Ehre zu erweisen. Doch zum 70. Jahrestag ist alles anders.

Wegen Moskaus Politik im Ukra- ine-Konflikt hat zuerst US-Präsident Barack Obama abgewunken. Er hat den Kremlchef und Gastgeber Wladimir Putin nicht nur immer wieder offen als „Aggressor“ benannt. Schon vorher fanden beide keinen Draht zueinander. Im Kreml heißt es, es sei „bedauerlich“, dass die Zeichen auf Konfrontation stehen. Das Verhältnis ist so schlecht wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr.

Da empfindet es Russland schon als Lichtblick und „klugen Kompromiss“, dass Kanzlerin Angela Merkel wenigstens am 10. Mai in Moskau sein will. Sie soll, so der Plan, am Grab des Unbekannten Soldaten einen Kranz niederlegen und sich vor den Opfern des Faschismus verneigen. Kein Land hat mit rund 27 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg solche Verluste erlitten wie die Sowjetunion. „Mit Blick auf das russische Vorgehen auf der Krim und in der Ostukraine erscheint die Teilnahme an einer Militärparade als nicht angemessen“, hatte Regierungssprecher Steffen Seibert erklärt.

Gut sechs Wochen vor den Feiern haben nur sehr wenige Politiker aus Europa ihr Kommen zugesagt. Neben dem linksgerichteten tschechischen Präsidenten Milos Zeman wollen der linke griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, Zyperns konservativer Präsident Nikos Anastasiades und der serbische Staatspräsident Tomislav Nikolic zu den Gedenkfeiern nach Moskau reisen. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico überlegt noch. Einige EU-Mitgliedsländer halten sich die Entscheidung noch offen.

Von großen Teilen des Westens sieht sich Putin als „Kriegstreiber“ an den Pranger gestellt. Sich angesichts des Krieges in der Ukraine mit dem Kremlchef auf die Tribüne am Roten Platz zu stellen und der Parade mit Panzern, Raketen und Flugzeugen zuzusehen, das empfinden viele Europäer als Schande.

Die Absagen seien eine „unangenehme Kampagne“, die europäischen Politikern keine Ehre mache, meint der russische EU-Botschafter Wladimir Tschischow. „Das beleidigt das Andenken der sowjetischen Soldaten und der eigenen Landsleute, die im Kampf gegen den Faschismus gefallen sind.“ Putin machte seiner Verärgerung öffentlich Luft: „Das Ziel ist es, die Stärke und moralische Autorität Russlands zu unterhöhlen, ihm den Status als Siegermacht abzusprechen.“

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