Soldaten kaufen sich die Ausrüstung selbst

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Mi, 25. Jan. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / Politik / Seite 4

Soldaten kaufen sich die Ausrüstung selbst

Wehrbeauftragter beklagt in seinem Bericht Mängel bei Ausstattung und Ausbildung. Arbeitgeber Bundeswehr nicht attraktiv genug.

Von Werner Kolhoff

Berlin. Immer im Januar stellt der Wehrbeauftragte des Bundestages seinen Jahresbericht über die bei ihm eingegangenen Beschwerden vor und immer erinnert die Bundeswehr dann an Szenen aus „Ich glaub, mich knutscht ein Elch“ oder ähnlichen Militärklamotten. Auch gestern beim Presseauftritt des derzeitigen Amtsinhabers Hellmut Königshaus war es nicht anders, wobei der FDP-Politiker allerdings eine langsam besser werdende Fürsorge sowohl des Verteidigungsministeriums als auch des Bundestages für die Soldaten feststellte.

Soldaten kaufen Ausrüstung selbst

Besonders krasse Mängel lieferte wieder einmal das Thema Ausrüstung. Viele Soldaten besorgen sich Einsatzhosen, Kampfjacken und Tragewesten selbst und geben dafür, so Königshaus, bis zu 1000 Euro aus. Die Armeeführung toleriert das. Sie hat jetzt sogar einen „zertifizierten Warenkorb“ angekündigt, an dem sich die Soldaten bei der Eigenbeschaffung orientieren können. Hinter dem Einlenken steht wohl auch ein Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeiten. So gibt es von der „Schutzweste Spezialkräfte“ viel zu wenig Exemplare, und die ersatzweise beschaffte „Schutzweste Infanterie“ hat einen entscheidenden Nachteil: Sie ist so groß und schwer, dass sie die Bewegungsfähigkeit im Einsatz „erheblich einschränkt“, so Königshaus. Weiteres Problem: Die Sitze der neu beschafften Fahrzeuge sind so konzipiert, „dass ein Sitzen im Fahrzeug mit vorschriftsmäßig angelegter Schutzweste egal welcher Ausführung sehr erschwert beziehungswei se bei voller Besetzung nicht möglich ist“. Die schmalen Sitze haben noch einen weiteren negativen Nebeneffekt: Da man sich mit Ausrüstung auf ihnen nicht niederlassen kann, bräuchte man Halterungen für die Waffen, die jedoch fehlen. In einem Fall kam es deshalb zu einer ungewollten Schussabgabe im Innenraum eines „Fuchs“-Panzers, bei der ein Soldat verletzt wurde.

Schilda lässt grüßen

Schilda dringt aus vielen Seiten des Berichts. Weil Munitionsmangel herrscht, werden die Patronen beim Üben knapp gehalten. Ergebnis laut Königshaus: „Einem Großteil der Teilnehmer der Einsatz vorbereitenden Ausbildung fehlt es an Grundfertigkeiten im Umgang mit Handfeuerwaffen.“ Wenn das die Taliban wüssten. Der Mangel ist laut Königshaus möglicherweise auch ein Grund für die Häufung von Schießunfällen durch unbeabsichtigtes Auslösen.

Das Heeresführungskommando hat darauf laut dem Bericht auf zweierlei Weise reagiert. Zum einen mit einer Broschüre, die vor solchen Unfällen warnt, zum anderen mit dem Entmotten von 227 Millionen Patronen Altmunition. Weil die teilweise angerostet sind, müssen derzeit 16 Depotmitarbeiter sowie 14 Soldaten jede Patrone einzel prüfen und im Zweifel aussortieren.

Erst im März kommt ein Sichtungsautomat und beendet die, so Königshaus, „stupide Arbeit“.

So geht es in dem Bericht des Wehrbeauftragten munter weiter. Vieles sind Einzelfälle. Im Großen stellte Königshaus zwei gegensätzliche Entwicklungen fest. Zum einen reagieren Wehrführung, Ministerium und Parlament inzwischen besser auf Beschwerden – 4864 waren es im letzten Jahr, geringfügig weniger als im Jahr davor. So wurde die Versorgung von Soldaten, die im Einsatz geschädigt wurden, durch ein neues Gesetz erheblich verbessert. Der Mangel an geschützten Fahrzeugen wurde weitgehend behoben. Und die Möglichkeit, aus Einsätzen heraus mit den Angehörigen daheim zu kommunizieren, ist ebenfalls verbessert worden.

Zum anderen aber ist die Bundeswehr immer noch kein wirklich attraktiver Arbeitgeber, der es mit der freien Wirtschaft als Konkurrent aufnehmen kann. Das aber muss sie, seit sie eine Freiwilligenarmee ist. Häufige Versetzungen, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein Beförderungsstau stehen auf der Negativliste des Wehrbeauftragten.

Angesichts von Personalabbau und Standortschließungen herrsche „schlechte Stimmung und tief greifende Verunsicherung“, sagte Königshaus. Dieser Einschätzung stimmte gestern auch die Opposition zu. „An einem modernen Personalmanagement fehlt es in der Bundeswehr hinten und vorne“, bemängelte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold.

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„Einem Großteil der Teilnehmer der Einsatz vorbereitenden Ausbildung fehlt es an Grundfertigkeiten im Umgang mit Handfeuerwaffen.“

Hellmut Königshaus

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