Der Beschützer und Retter der Kinder im KZ

Do, 12. Nov. 2015
Aachener Nachrichten – Stadt / Lokales / Seite 19

In seinem Buch würdigt Dirk Kämper das Leben von Fredy Hirsch, der in Auschwitz-Birkenau umkam. Neue Forschungsergebnisse vorgestellt.

Von Lothar Stresius

Aachen. Jude sein und homosexuell – das kam für einen Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus einem zweifachen Todesurteil gleich. Auf den 1916 in Aachen geborenen und 1944 in Auschwitz-Birkenau umgekommenen Fredy Hirsch traf beides zu. Um diesen Aachener Bürger nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hatte Oberbürgermeister Marcel Philipp am 9. November eine interessierte Öffentlichkeit in die
Synagoge eingeladen.

Dort stellte der Autor Dirk Kämper sein in diesem Jahr erschienenes Buch über Hirsch vor. Der Oberbürgermeister und der Autor machten deutlich, wie erinnerungswürdig der Lebensweg dieses Aachener Juden ist. Marcel Philipp erwähnte das Treffen ehemaliger jüdischer Mitbürger 1992 in Aachen, bei dem Zeitzeugen sich an den Einsatz Fredy Hirschs für sie im Konzentrationslager erinnerten.

Dirk Kämper beschreibt in seinem Buch den Lebensweg Hirschs in einer Mischung aus historischer Darstellung und Erzählung. Der junge Fredy Hirsch engagiert sich früh in der jüdischen Pfadfinderbewegung, wo er das lernt, was er später innerhalb der jüdischen Selbstverwaltung in Auschwitz-Birkenau als Leiter des Kinderblocks für überlebenswichtig hält: sportliche Aktivität, Disziplin, Ordnung.

Überlebensstrategien

Von Aachen geht sein Lebensweg über verschiedene Stationen nach Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau. Dort betreut er die Kinder des Lagers. Er hält sie zu strenger Hygiene an, weil Krankheiten für die Nazis ein willkommener Anlass zur Tötung waren. Als Betreuer der Kinder hatte er Kenntnis und Zugriff auf von den Nazis erstellten Selektionslisten. Er konnte auf diese Weise so manches Kind retten. In den sechs Monaten in Birkenau ist kein Kind des Kinderblocks gestorben. Viele der damaligen Kinder verdanken ihr Überleben Fredy Hirsch.

Dirk Kämper fasst seine Recherche über Fredy Hirsch so zusammen: Er war eine charismatische Persönlichkeit, die seinen Kindern einiges abverlangte, aber ihnen damit auch half, Überlebensstrategien zu entwickeln. Die Kinder waren „voller Respekt vor dem Mann, der in ihrem Leben fast alles ersetzt, was ihnen genommen wurde: Eltern, Gott und Hoffnung“.

Gift führte zum Tod

Kämper korrigiert die „verfälschten Darstellungen“ über Fredy Hirschs Lebensende. Am Ende stand kein Suizid. Ihm wurde Gift verabreicht, das zum Tode führte. Nicht von den Nazis wurde er getötet, sondern von Mithäftlingen, die auf diese Weise einen Aufstand einer Widerstandsgruppe innerhalb des Lagers verhindern wollten. Dirk Kämper sieht sich als Teil einer Bewegung, die mit Hilfe neuer historischer Erkenntnisse eine revidierte „Fredy-Hirsch-Story“ verfassen möchte.

Erste Ergebnisse der Erinnerungsarbeit in Aachen sind zu verzeichnen. Unter den Zuhörern saßen Schüler des Couven Gymnasiums, die mit zwei Lehrern für 2016 ein Projekt über ihren ehemaligen Mitschüler Fredy Hirsch planen. Dieser besuchte die Hindenburgschule, die ab 1945 Couven Gymnasium hieß. Er wäre bald 100 Jahre alt geworden.

Dirk Kämper: Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust. Die Geschichte eines vergessenen Helden aus Deutschland, 2015 Verlag Orell Füssli

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