Ein Zeichen für den Aufbau des orthodoxen Judentums

 

Mi, 12. Sep. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / Euregio / Seite 5

Ein Zeichen für den Aufbau des orthodoxen Judentums

In der jüdischen Gemeinde Köln findet morgen die Ordination junger Rabbiner-Kandidaten statt – zum ersten Mal seit dem Holocaust

Von Andreas Otto

Köln. Erstmals seit dem Holocaust findet morgen in der jüdischen Gemeinde Köln eine Ordination von Rabbinern statt. Der Kölner Rabbiner Jaron Engelmayer sieht darin ein Zeichen, dass sich das orthodoxe Judentum in Deutschland „im frischen Aufbau und in einer positiven Entwicklung“ befindet. Zu der Amtseinführung von vier Kandidaten in der Synagoge an der Roonstraße kommen unter anderem der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald Lauder, und Außenminister Guido Westerwelle (FDP).

Die Aufmerksamkeit Westerwelles für die Ordination dürfte auch mit zwei anderen Themen zusammenhängen. Zum einen hat das Landgericht Köln die jüdische Praxis der Beschneidung infrage gestellt und damit national wie international zahllose Diskussionen ausgelöst. Zum anderen beunruhigt die jüdische Gemeinde der brutale Überfall auf den Berliner Rabbiner Daniel Alter Ende August. Für Jaron Engelmayer ist es ein „ganz besonders wertvolles und wichtiges Zeichen“, dass Westerwelle sich „in einer Zeit wie dieser“ an die Seite des Judentums stellt.

Die vier Männer, die ordiniert werden, sind Absolventen des Berliner Rabbinerseminars. Dieses war 1873 von Rabbiner Esriel Hildesheimer gegründet worden und wird deshalb bis heute auch „Hildesheimer’sches Rabbinerseminar“ genannt. Es war die wichtigste Lehreinrichtung zur Ausbildung orthodoxer Rabbiner in Westeuropa und hatte von der Gründung bis zur zwangsweisen Schließung nach der Pogromnacht 1938 rund 600 Studenten.

2009 wurde das Rabbinerseminar vom Zentralrat der Juden mit Unterstützung der Ronald-Lauder-Stiftung wiedereröffnet. Es arbeitet im Fach Jüdische Sozialarbeit mit der Fachhochschule Erfurt zusammen. Die erste Ordination von Absolventen des Rabbinerseminars nach dem Holocaust fand 2009 in München und die zweite 2010 in Leipzig statt. Die dritte steht nun in Köln an.

Mit Blick auf die Ordination in Köln weist Engelmayer auf die besondere Bedeutung der rheinischen Synagogengemeinde für das Judentum in Deutschland hin. So werde die jüdische Gerichtsbarkeit in Deutschland zentral von Köln aus geleitet. Aber auch historisch gesehen hat die Kölner Gemeinde eine herausragende Stellung: Erstmals wird sie in einem Dekret des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 nach Christus erwähnt und gilt damit als älteste nördlich der Alpen. Sie zählt knapp 5000 Mitglieder und ist damit die fünftgrößte in der Bundesrepublik. (kna)

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