„Kinder brauchen vor allem viel Spaß und weniger Leistungsdruck“

 

Fr, 22. Feb. 2013
Aachener Nachrichten – Stadt / Blickpunkt / Seite 2

„Kinder brauchen vor allem viel Spaß und weniger Leistungsdruck“

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens fordert eine Entschleunigung der Gesellschaft, um den Anstieg psychischer Krankheiten aufzuhalten

Von Johannes Nitschmann

Düsseldorf. Verlangen Lehrpläne und Pädagogen im Pisa-Zeitalter zu viel von ihren Schülern? Die grüne Gesundheitsministerin Barbara Steffens spricht sich für ein Umdenken der Gesellschaft aus. Dass immer mehr junge Deutsche unter psychischen Krankheiten leiden, sei kein Zufall. „Kinder dürfen immer seltener Kinder sein“, beklagt Steffens.

Nach den Berechnungen Ihres Ministeriums werden in NRW aufgrund des Bevölkerungsrückgangs bis 2015 landesweit 10 000 der insgesamt 124 000 Krankenhausbetten überflüssig. Werden Sie die Schließung von Kliniken verfügen?

Steffens: Nein. Und der Bettenabbau muss auch vollzogen werden, ohne die wohnortnahe Versorgung zu gefährden.

Bei den Kooperationen und Fusionen von Krankenhäusern alleine auf die Einsicht von deren Trägern setzen, wäre doch einigermaßen naiv. Haben Sie gesetzliche Möglichkeiten, um solche Konzentrations-Prozesse zu beschleunigen?

Steffens: Ja, durch das Krankenhausgestaltungsgesetz. Es enthält nicht nur ein Kooperationsgebot, sondern bietet auch die Möglichkeit, über planerische oder aufsichtsrechtliche Maßnahmen Kooperationen zu befördern. Direkt erzwingen kann das Land Kooperationen und Fusionen nicht, da es sich um autonome Trägerentscheidungen handelt. Aber wir können Strukturentscheidungen beschleunigen.

Die Patienten werden in Deutschland immer jünger. Erst unlängst haben Sie beklagt, dass sich die Zahl der stationären Behandlungsfälle von depressiven Kindern in den letzten sechs Jahren verdreifacht hat. Was läuft schief in Schulen und Elternhäusern?

Steffens: Kinder dürfen immer seltener Kinder sein und müssen immer früher Leistungen erbringen und lernen. Anstatt draußen zu spielen, zu toben und sich auch mal dreckig zu machen, erleben bereits Kleinkinder Termindruck durch ein umfangreiches Ausbildungswunschprogramm ihrer Eltern oder sitzen drinnen vor Fernseher, Spielekonsole oder Computer. Probleme, die dadurch entstehen, sind nicht im Gesundheitssystem zu lösen, sondern nur mit weniger Anforderungen und mehr Begeisterung. Kinder brauchen vor allem viel Spaß und weniger Leistungsdruck. Wir brauchen insgesamt eine Entschleunigung der Gesellschaft, sonst nehmen psychische Erkrankungen weiter zu, nicht nur bei Kindern.

Verlangen Lehrpläne und Lehrer im Pisa-Zeitalter zu viel von den Schülern?

Steffens: „Turbo-Abitur“ bedeutet Beschleunigung und nicht Entschleunigung. Sicherlich führt die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur zu einer Unterrichtsverdichtung, die zusätzlichen Stress bringt.

Kinder und Jugendliche suchen vermehrt Zuflucht in Drogen. Der CDU-Politiker Jens Spahn tritt dafür ein, die Eltern bei der Bekämpfung des Komasaufens in Mithaftung zu nehmen und sie im Falle einer Alkoholvergiftung ihrer Kinder mit jeweils 100 Euro an den Krankenhauskosten zu beteiligen.

Steffens: Dass immer mehr Kinder und Jugendliche Zuflucht in Drogen suchen, würde ich so pauschal nicht unterschreiben. Der Vorschlag von Jens Spahn ist reiner Populismus. Wer so etwas fordert, hat sich weder mit dem Problem des Komasaufens noch mit unserem auf Solidarität basierenden Gesundheitssystem befasst. Wir wollen Bewusstsein schaffen und Verhaltensänderungen erreichen. Das geht nicht über Strafzahlungen.

Sondern?

Steffens: In NRW werden im Rahmen des Projekts „Hart am Limit“ Jugendliche nach einer Alkoholvergiftung meist noch direkt im Krankenhaus aufgesucht. In die weitergehende Beratung werden auch die Eltern mit einbezogen. Wir brauchen Prävention so früh wie möglich, Aufklärung und aufsuchende Hilfen, aber keine Strafzahlungen. Durch die würden außerdem Fälle mit Personen über 18 Jahren, und davon gibt es viele, gar nicht erfasst. Würden wir einen solchen Vorschlag aber für alle Altersgruppen diskutieren, wären wir bei der Grundsatzfrage, ob Risikoverhalten bei den Gesundheitskosten separat berechnet werden soll. Also das Essverhalten, zu wenig Sport, Übergewicht, Suchtverhalten und so weiter. Die Diskussion hatten wir schon oft und sie endete immer mit dem gleichen Ergebnis: Es geht nicht, wäre ungerecht und ein enormer Bürokratieaufwand.

Ist es nur der enorme Bürokratieaufwand oder schrecken Sie auch vor der möglichen Empörung betroffener Eltern zurück?

Steffens: Empörung von Eltern würde mich nicht davon abhalten, eine Maßnahme zu unterstützen, bei der ich davon überzeugt wäre, dass sich dadurch wirklich etwas positiv verändern würde.

Kommentar: Das Turbo-Abitur ist für Kinder und Jugendliche schädlich und für viele Vereine im Bereich der Jugendarbeit tödlich!

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