Separatisten führten in Aachen den „Ruhrkampf“ weiter

 

Fr, 11. Jan. 2013
Aachener Nachrichten – Stadt / Region und NRW / Seite 10

Separatisten führten in Aachen den „Ruhrkampf“ weiter

Heute vor 90 Jahren: 100 000 französisch-belgische Soldaten besetzen Rheinland und Ruhrgebiet. Belgier haben das Sagen.

Von Alexander Barth

Aachen. Als belgische und französische Truppen am 11. Januar 1923 mit der Besetzung von Rheinland und Ruhrgebiet begannen, hatten die Menschen in der Aachener Region bereits Zeit gehabt, sich an die Anwesenheit fremder Soldaten zu gewöhnen. Seit Januar 1919 waren vor allem belgische Einheiten präsent, als Folge der neuen Kräfteverhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg. „Der neuerliche, massive Einmarsch bedeutete eine Verschärfung der Situation, die bereits seit 1919 bestand“, berichtet Matthias Pape, Historiker und Dozent an der RWTH Aachen.

Insgesamt rund 100 000 Soldaten zählte die Truppe, die für die Durchsetzung des Versailler Vertrages sorgen sollte. Die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg und mit ihr die fälligen Reparationen sorgten dafür, dass unablässig Kohlezüge aus dem Aachener Revier hinüber nach Belgien rollten. Dazu verlangte das Königreich einen großen Teil der Vennwälder sowie die dort verlaufenden Schienenstränge der Vennbahn, die Eupen mit Stolberg verband – damals ein wichtiger wie wertvoller Verkehrsweg. Doch die junge Republik war mit den ihr auferlegten Reparationszahlungen in Verzug geraten.

Hauptquartier im Quellenhof

Es folgte der Einmarsch – und als Reaktion darauf der „Ruhrkampf“, der in Sabotageakten und teils subtilen Widerstandsaktionen gipfelte. Während Postzensur und eine zusehends irrwitzige Geldinflation herrschten, rief die Reichsregierung die Bürger zum passiven Widerstand auf. „Auch die Aachener Region geriet in den Strudel der Ereignisse“, berichtet Pape. Das Hauptquartier der belgischen Zone lag in Aachen, Oberbefehlshaber Charles Magnin „residierte“ im Hotel Quellenhof an der Monheimsallee. Durch Stationierung einer internationalen Truppe – rekrutiert aus Soldaten der französischen Kolonien – sollte den Deutschen auch das Ausmaß ihrer Niederlage drastisch vor Augen geführt werden, erklärt Pape. In Stolberg und Eschweiler lagen damals insgesamt drei Bataillone von algerischen Soldaten.

Die verstärkte Präsenz von Besatzungstruppen an Rhein und Ruhr nach dem 11. Januar und der wachsende Unmut der Bevölkerung befeuerten aber auch das Bestreben nach einem unabhängigen Rheinland. Am 21. Oktober erreichte die Idee ihren Höhepunkt – in Aachen: Unter Führung des Aachener Kaufmanns Leo Deckers besetzten Separatisten wichtige Institutionen wie Regierungsgebäude, Post und Banken, am 2. November schließlich das Rathaus. Dort wurde die rheinische Republik ausgerufen, der es aber nicht zuletzt an Rückhalt aus der Bevölkerung mangelte und die so bereits nach wenigen Tagen schon wieder Geschichte war. „Bis dahin hat es Plünderungen, Hungerkrawalle, Streiks und Ausschreitungen gegeben“, sagt Pape. Nicht nur die Separatistenbewegung wurde noch 1923 niedergeschlagen, auch der Ruhrkampf endete, im Sommer 1925 verließen die letzten Soldaten das Ruhrgebiet. Am 30. Juni 1930 zogen alle Besatzungstruppen, fünf Jahre früher als ursprünglich in Versailles vereinbart, aus dem Rheinland ab.

Kommentar: Wer nach den Ursachen der Machtergreifung Hitlers fragt: Hier ist neben dem Versailler Diktat ein wesentlicher Punkt. Frankreichs bestreben, unterstützt von Belgien, Deutschland zu zerschlagen, um alleine Hegemonialmacht in Europa zu sein, hat bis mindestens 1990 gedauert. Nicht vergessen ist der Widerstand Frankreichs gegen die deutsche Wiedervereinigung 1990!

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