Späte Ehre für einen „besonderen Aachener“

Fr, 29. Jan. 2016
Aachener Nachrichten – Stadtausgabe / Lokales / Seite 22

Späte Ehre für einen „besonderen Aachener“

Stadt feiert den 100. Geburtstag von Fredy Hirsch, der im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau jüdische Kinder nicht im Stich ließ. Couven-Gymnasium würdigt ehemaligen Schüler mit einer Gedenkfeier. Zeitzeugen eingeladen.

Aachen. Fredy Hirsch? Nie gehört. So geht es wohl den meisten Aachenern, was Oberbürgermeister Marcel Philipp entsprechend bedauerlich findet. Für ihn ist Hirsch ein „besonderer Aachener“. Am 11. Februar würde er 100 Jahre alt.

Aus diesem Anlass soll der Sohn der Stadt, der am 8. März 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, gebührend gewürdigt werden. Er habe „in diesem Ozean der Brutalität für etwas Menschlichkeit gesorgt“, erklärt der OB. In seiner Heimatstadt war das lange nicht bekannt. Das Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoah aus Aachen war irgendwann auf Fredy Hirsch gestoßen. Der Verein, der die Lebensgeschichten und Schicksale der Aachener recherchiert, die in der Nazizeit als Juden verfolgt wurden, hatte von Überlebenden Hinweise auf den Metzgersohn von der Neupforte bekommen.

Der hatte sich früh an der jüdischen Pfadfinderbewegung beteiligt und leitete ab 1933 den Jüdischen Pfadfinderbund Deutschland in Düsseldorf. Laut OB Philipp galt er seinen Zeitgenossen als „charismatischer Jugendleiter“. 1935 suchte Hirsch Zuflucht in der Tschechoslowakei, doch sicher war er dort nicht.

Im November 1941 wurden jüdische Männer von Prag aus nach Theresienstadt zum Aufbau des dortigen Ghettos deportiert. Hirsch kümmerte sich um die jüdischen Kinder in Theresienstadt und später – nach ihrer Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau – im dortigen sogenannten Theresienstädter Familienlager. In dieser „Hölle“ habe er „den Kindern Lebensmut vermittelt“, erklärt Philipp. Es sei ihm gelungen, die Lebensumstände zu verbessern und im Lager eine Art „kulturelles Zentrum“ einzurichten.

Um Hirschs 100. Geburtstag zu feiern, hat das Gedenkbuchprojekt einige seiner Wegbegleiter nach Aachen eingeladen. So soll etwa die Tochter seines Bruders aus Israel anreisen, zudem kommen Zeitgenossen, die mit Hirsch zusammen in Theresienstadt waren, aus Prag und Wien. Sie werden am 12. Februar von Schülern des Couven-Gymnasiums befragt, weil diese Schule eine besondere Beziehung zu Fredy Hirsch hat. Er besuchte von 1926 bis 1931 die Hindenburgschule. Diese damalige Oberrealschule trägt seit 1945 den Namen Couven-Gymnasium.

Am 12. Februar wird die Mensa des Gymnasiums bei einem Festakt zum „Fredy-Hirsch-Forum“, auf der Gästeliste steht dabei neben der nordrhein-westfälischen Schulministerin Sylvia Löhrmann auch der Schriftsteller Dirk Kämper, der Hirschs Geschichte in einer Biografie dargestellt hat.

Mit einer Gedenkfeier erinnert auch die Jüdische Gemeinde an Fredy Hirsch. Das Stadtarchiv widmet ihm die Archivalie des Monats. Gezeigt werden Bilder seines Geburtshauses an der Neupforte und der alten Hindenburgschule an der Kármánstraße, die heute die Philosophische Fakultät der RWTH Aachen beherbergt. (wb)

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