„Der Iran handelt nicht rational“

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Fr, 10. Feb. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / Blickpunkt / Seite 2

„Der Iran handelt nicht rational“

Avi Primor befürchtet, dass die Führung in Teheran trotz internationaler Sanktionen das Atomprogramm fortsetzen wird. In seinen Augen ist der Hass des Mullah-Regimes auf Israel größer als die Staatsräson.

Von Joachim Zinsen

Aachen/Tel Aviv. Das Säbelrasseln am Persischen Golf wird immer lauter, die Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm hat sich in den vergangenen Tagen dramatisch zugespitzt. Israel und der Westen fürchten, dass das Mullah-Regime in Teheran trotz anderweitiger Beteuerungen weiter versucht, sich Kernwaffen zuzulegen. Wie schätzt Avi Primor, Israels langjähriger Botschafter in Deutschland und Iran-Experte, die Lage ein?

Herr Primor, in den vergangenen Tagen gab es Meldungen, die israelische Armee plane für das Frühjahr einen Militärschlag gegen das iranische Atomprogramm. Sind das nur Drohgebärden? Oder halten Sie einen Angriff für realistisch?

Primor: Niemand hat das Interesse, einen Krieg zu entfesseln. Dennoch besteht die Gefahr, dass es dazu kommen wird. Israels Regierung bereitet sich zur Zeit darauf vor, dass die internationalen Sanktionen gegen den Iran nichts nutzen werden. Sollte das der Fall sein, muss sie reagieren. Eine iranische Atombombe wäre eine existenzielle Bedrohung für Israel.

Kann die israelische Armee das iranische Atomprogramm überhaupt stoppen?

Primor: Die Streitkräfte sind in der Lage, den iranischen Atomanlagen so viel Schaden zuzufügen, dass das Atomprojekt um Jahre verzögert wird. Aber endgültig stoppen? Nein, das glaube ich nicht.

In der israelischen Öffentlichkeit wird heftig über den Sinn eines Angriffs gestritten. Viele befürchten, dass er der Sicherheit Israels mehr schaden als nutzen würde. Sie auch?

Primor: Natürlich würde ein Angriff Israel schaden. Wir werden das Ziel von iranischen Raketen, aber auch von Angriffen der Hisbollah und der Hamas sein. Möglicherweise greift auch Syrien ein, denn das Regime in Damaskus ist zunehmend abhängig vom Iran. Zudem hätte ein Angriff fatale Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und damit natürlich auch auf Israel. Für viele meiner Landsleute stellt sich aber die Frage, was schlimmer ist: Kurzfristig schwere Schäden in Kauf zu nehmen oder langfristig die totale Vernichtung des Landes zu riskieren? Sie werden das kleinere Übel wählen.

Gesetzt den Fall, der Iran besitzt eines Tages tatsächlich Nuklearwaffen: Glauben Sie, dass das Regime in Teheran Israel damit angreift? Eigentlich wäre das doch glatter Selbstmord. Israel besitzt das atomare Potenzial, um den Iran in wenigen Stunden völlig zu zerstören.

Primor: Richtig. Die Frage ist nur: Wie rational handeln die iranischen Machthaber? Wäre der Iran eine weltoffene Demokratie – die übrigens die meisten Iraner anstreben – würde uns Israelis eine iranische Atombombe nicht weiter stören. Aber Mahmud Ahmadinedschad und Ayatollah Ali Chamenei drohen uns ständig mit totaler Vernichtung. Warum? Geostrategisch macht das aus Sicht des Irans keinen Sinn. Interessiert ist das Land eigentlich an seinen unmittelbaren Nachbarn. Also am Irak, an Saudi-Arabien, an den Golf-Emiraten. Traditionell besitzt Teheran den Ehrgeiz, diese Staaten und deren Erdöl zu beherrschen. Wenn dem Iran das gelingen sollte, wäre er eine Weltmacht. Trotzdem stürzen sich die Machthaber in Teheran verbal immer auf Israel. Es sind unberechenbare Fundamentalisten, die emotional agieren, deren Hass auf Israel stärker ist als die Staatsräson. Was solche Leute anrichten können, wissen wir aus der Geschichte.

In vielen arabischen Ländern gibt es momentan eine Demokratiebewegung. Besteht nicht die Gefahr, dass sie durch einen Militärschlag gegen den Iran geschwächt wird?

Primor: Das glaube ich nicht. Es sind doch vor allem die arabischen Länder, die derzeit den Iran fürchten. Wer die Macht des Irans zerstört, sollte nicht als Feind empfunden werden.

Und die iranische Demokratiebewegung? Wie wird sie reagieren?

Primor: Natürlich wird kein Iraner einen Angriff auf das Land begrüßen. Auch glaube ich, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung hinter den Atomprojekten steht. Nicht, weil es den Wunsch gibt, Israel zu vernichten, sondern weil das Atomprogramm als ein Symbol nationaler Stärke gilt. Deshalb könnte ein Militärschlag der iranischen Demokratiebewegung tatsächlich schwer schaden. Aber andererseits: Wenn ein Angriff auf die Atomanlagen dazu führt, dass das Regime in Teheran zerfällt, dann hätte die Demokratiebewegung gewonnen.

Lässt sich das iranische Atomprogramm denn nur mit Waffengewalt stoppen? Gibt es keine Alternativen?

Primor: Die Alternative sind natürlich die verhängten Sanktionen. Sie wirken sich wirtschaftlich bereits sehr stark auf den Iran aus. Aber nochmals: Wir haben es in Teheran mit einem emotionalen und nicht mit einem pragmatischen Regime zu tun. Ich fürchte deshalb, dass wir im Iran das gleiche erleben werden, wie in vielen Ländern der Dritten Welt: Mag der Hunger noch so groß sein, für Waffen ist immer Geld da. Nordkorea ist das beste Beispiel. Ich bin skeptisch, dass die Sanktionen den Iran zum Einlenken bewegen werden.

Nun gibt es Stimmen, die sagen: Letztlich lässt sich das Streben des Irans nach einer Atombombe nur dann stoppen, wenn es im gesamten Nahen und Mittleren Osten keine Atomwaffen gibt. Auch Israel müsse auf seine Atomwaffen verzichten.

Primor: Dieses Szenario ist unrealistisch. Allein aus einem Grund: Israel ist der einzige Staat der Welt, dem ständig mit Vernichtung gedroht wurde und gedroht wird. Heute macht das der Iran. Als kleines Land braucht Israel Mittel, um seine Feinde abzuschrecken.

Aber es gibt doch für Israel Sicherheitsgarantien des Westens.

Primor: In atomaren Zeiten nutzen Sicherheitsgarantien nichts – selbst wenn sie ernst gemeint sind.

Iran und Israel waren nicht immer Feinde. Jahrzehntelang pflegten beide Staaten gute Beziehungen. Sehen Sie Möglichkeiten, an diese Zeiten anzuknüpfen?

Primor: Das halte ich für durchaus machbar. Bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein gab es eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Staaten. Der Iran wickelte über Israel Teile seines Erdölgeschäfts mit dem Westen ab. Im Gegenzug hat Israel dem Iran bei der Entwicklung der Landwirtschaft geholfen. Gleichzeitig waren beide Staaten in einer ähnlichen geopolitischen Lage. Sie fanden sich isoliert in einer von arabischen Sunniten dominierten Region. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn es im Iran wieder eine Regierung gibt, die sich an den wirklichen Interessen des eigenen Landes orientiert, steht einer neuen Kooperation nichts im Weg.

Jahrelang Botschafter

in Deutschland

Avi Primor ist israelischer Diplomat und Publizist. Von 1993 bis 1999 war der 76-Jährige Botschafter in Deutschland. In dieser Zeit kritisierte er – für einen Diplomaten ungewöhnlich – mehrfach öffentlich die eigene Regierung. Seit 2004 ist Primor an der Privatuniversität Herzliya tätig, wo er das von ihm gegründete Zentrum für Europäische Studien leitet. (jozi)

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