Die Pistole war die heiße Spur

 

Fr, 28. Sep. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / AN Politik / Seite 4

Die Pistole war die heiße Spur

Noch eine Panne bei den Ermittlungen gegen das Neonazi-Terrortrio NSU: Nach der Tatwaffe wurde offensichtlich nicht konsequent genug gefahndet.

Von Christiane Jacke
und Stephan Scheuer

Berlin. Sie waren nah dran an der Tatwaffe der Neonazi-Morde. Schon 2004 gingen Beamte des Bundeskriminalamts einer heißen Spur in die Schweiz nach. Ein Waffenhändler hatte dort das seltene Modell verkauft, mit dem die Mitglieder der rechtsextremen Terrorzelle NSU später mutmaßlich neun türkische oder griechische Kleinunternehmer erschossen. Das Problem: Die Ermittler erkannten die Zusammenhänge nicht. Sie vermuteten Ausländer hinter den Verbrechen und stellten die falschen Fragen. Die heiße Spur verlor sich – eine weitere Panne in einer beispiellosen Serie von Fehlern.

Die Mordwaffe ist eine Ceska 83 mit Schalldämpfer, Kaliber 7.65 Millimeter. Die Waffe ist ein verbindendes Element zwischen den kaltblütigen Morden, die der Terrorzelle NSU zur Last gelegt werden. Neun der zehn Opfer der Mordserie zwischen 2000 und 2006 starben durch Schüsse aus dieser Pistole.

Eine eigene Ermittlergruppe des Bundeskriminalamts ging der Waffenspur ab 2004 nach. Bei ihren Recherchen stießen die Ermittler schon früh auf den Schweizer Waffenhändler. Werner Jung arbeitete damals in dem Ermittlerteam und bat Schweizer Verbindungsbeamte des BKA im Mai 2004, sich bei der Firma umzuhören.

In einem Fax führte der Polizist die Kollegen aber auf die falsche Fährte. Denn er forderte sie auf, sich explizit nach türkischen Käufern von Munition zu erkundigen. Es gebe Anhaltspunkte, dass es sich um Auftragsmorde handele und Drogengeschäfte dahinter steckten. (Kommentar: Welche ???) Jung muss sich nun wegen der Fehleinschätzung unangenehme Frage im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages gefallen lassen. Die Ermittlungshinweise seien damals eben in diese Richtung gegangen, begründet der BKA-Mann. Die Ermittler hätten türkische Brüder hinter den Verbrechen vermutet.

Auch an anderer Stelle ging einiges schief bei der Suche nach der Ceska: Die Ermittler entdeckten nicht nur den Händler, der die spätere Tatwaffe verkaufte – ohne dass die BKA-Leute es selbst merkten. Sie stießen auch auf den Mann, der die Pistole dort gekauft hatte, befragten ihn, ließen sich allerdings mit fadenscheinigen Ausreden abspeisen. Der Rentner aus der Schweiz behauptete damals, er habe die Waffe nie bekommen. „Da endete für mich der weitere Weg“, sagte Jung. Jahre später räumte der Mann ein, die Waffe gekauft zu haben. Wie genau die Pistole schließlich an das Terrortrio gelangte, ist allerdings noch unklar.

Unter den Ausschussmitgliedern herrschte Unverständnis über die Versäumnisse. „Es war eine heiße Spur bereits 2004“, sagt CDU-Obmann Binninger. „Das BKA hat sie kalt werden lassen.“ Die Ermittler hätten nach einer Schablone ermittelt.(dpa)

Kommentar: Herr, wirf Hirn vom Himmel, oder: Was nicht sein kann, das nicht sein darf?

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