„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Eichmann denken muss“

Mi, 29. Jan. 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Die Seite Drei / Seite 3

„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Eichmann denken muss“

Noch heute bekommt der Jurist Bach Herzrasen, wenn er sich an die beklemmenden Aussagen von Holocaust-Opfern über das Morden in Auschwitz erinnert

Der Eichmann-Prozess, sagen Sie, hat Deutschland und die Welt beeinflusst. Hat er auch Ihr Leben verändert?

Bach: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Eichmann und an diesen Prozess denke. Es gab einen ungarischen Zeugen, der vor Gericht über die perfiden Postkarten berichten sollte, die ungarische Juden auf Befehl von Eichmann in Auschwitz ihren Freunden und Verwandten schreiben mussten, bevor sie in die Gaskammern gebracht wurden. Darin sollten sie schreiben, sie seien an einem wunderschönen Ort, es gebe aber nicht viel Platz. „Also kommt so schnell wie möglich.“ Außerdem sollten sie gute Schuhe mitbringen, angeblich für Ausflüge. Die Schuhe brauchte die deutsche Wehrmacht. Man hat sie den Menschen abgenommen, bevor sie in die Gaskammern gestoßen wurden. Wir wussten damals von den Postkarten, kannten aber diese Einzelheiten nicht.

Unfassbar.

Bach: Ja. Aber das war nicht alles. Der Zeuge hat dann berichtet, wie in Auschwitz die Selektion abgelaufen ist. Seine Frau und seine zweijährige Tochter wurden nach links direkt in den Tod geschickt. Er wurde nach rechts abkommandiert. Der Zeuge beschrieb, wie das Mädchen in einem roten Mantel der Mutter nachlief. „Der rote Punkt wurde immer kleiner. So verschwand meine Familie aus meinem Leben“, sagte der Zeuge. Daraufhin verschlug es mir die Stimme. Ich hatte meiner damals zweijährigen Tochter kurz zuvor einen roten Mantel gekauft. Ich konnte drei oder vier Minuten nicht reden. Noch heute bekomme ich plötzlich Herzrasen, wenn ich in einem Fußballstadion oder in einem Restaurant ein kleines Mädchen in einem roten Mantel sehe.

War Adolf Eichmann für Sie das personifizierte Böse?

Bach: Er ist jedenfalls der einzige Mensch, der jemals in Israel zum Tode verurteilt wurde. Und ich habe keinen Zweifel: Wenn irgendein Mensch diese Strafe verdient hatte, dann Adolf Eichmann. Manche Leute behaupteten, er sei ja nur Befehlsempfänger gewesen. Das ist absolut falsch. Ein Beispiel? Am Ende des Krieges sagte Eichmann: „Ich weiß, der Krieg ist verloren. Aber ich werde meinen Krieg noch gewinnen.“ Und dann fuhr er persönlich nach Auschwitz, um die Zahl der Tötungen von 10 000 auf 12 000 pro Tag zu erhöhen. Nach seiner Verhaftung noch zeigte er sich stolz über jeden Fall, in dem er die Rettung von Juden hatte verhindern können.

Wie haben Sie ihn persönlich erlebt?

Bach: Er hatte manchmal einen animalischen Ausdruck im Gesicht, der beängstigend war. Ich hatte sogar den Eindruck, dass er seine Verteidiger einschüchterte. Ich habe ihn dann anonym von einem Schweizer Gutachter untersuchen lassen – weil ich verhindern wollte, dass er auf unzurechnungsfähig plädiert. Die Experten zeigten ihm und anderen Testpersonen Bilder von vielen verschiedenen Menschen, darunter grausame Mörder und Sadisten, aber auch Nobelpreisträger. Er musste die fünf Köpfe auswählen, die ihm am besten gefielen. Nach einigen Tagen bekam ich eine Nachricht. Der Gutachter bat um zusätzliches Material. Warum, fragte ich? „Weil ich in meiner ganzen Praxis noch nie einen Fall von solch mörderischen Instinkten hatte“, sagte er.

Heute in Aachen: Vortrag in der jüdischen Gemeinde

Die jüdische Gemeinde Aachen, Synagogenplatz 23, lädt heute, 29. Januar, zu einer Veranstaltung mit Gabriel Bach ein. Der stellvertretende Chefankläger im Eichmann-Prozess wird ab 18 Uhr über seine Erinnerungen sprechen.

Der Eintritt ist frei. Ein gültiger Personalausweis ist mitzubringen.

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