Im Donbass sollen schon Hunderte Russen gefallen sein

Do, 30. Jul. 2015
Aachener Nachrichten – Stadt / AN Politik / Seite 4

Im Donbass sollen schon Hunderte Russen gefallen sein

Fast täglich beteuert Moskau, es gebe keine regulären Soldaten in der Ostukraine. Doch Menschenrechtler sehen reichlich Beweise.

Von Ulf Mauder
und Andreas Stein

Moskau/Kiew. Auf Hunderte Getötete schätzt der Moskauer Bürgerrechtler Sergej Kriwenko die Verluste des russischen Militärs im Kriegsgebiet Ostukraine. „Es sind wohl sogar um die etwa 1000 Tote. Es könnten auch mehr sein“, meint der Mitarbeiter der renommierten Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau.

Genaue Zahlen hat er nicht. Er selbst kennt viele Fälle von russischen Militärangehörigen, die in den von der Ukraine abtrünnigen Gebieten Luhansk und Donezk kämpften, dort ums Leben kamen oder in Gefangenschaft gerieten.

Erst unlängst besuchte Kriwenko in Kiew zwei gefasste Russen. Der mutmaßliche Hauptmann Jewgeni Jerofejew und der Unterfeldwebel Alexander Alexandrow erzählten Kriwenko demnach, sie seien für den russischen Militärgeheimdienst GRU in der Ukraine im Einsatz gewesen. Doch das russische Verteidigungsministerium betont, die beiden stünden nicht mehr im Staatsdienst. Eine Verantwortung für die Männer weist die russische Führung zurück – wie insgesamt die ukrainischen Vorwürfe, dass dort reguläre Soldaten im Einsatz seien.

Kriwenko betont, dass es sich bei den von Moskau offiziell dementierten Kampfeinsätzen um ein schon zu Sowjetzeiten praktiziertes Vorgehen handele. Bereits zu kommunistischen Zeiten habe Moskau international in Konfliktgebieten Soldaten eingesetzt, um eigene Interessen durchzusetzen. Die Militärangehörigen würden ohne persönliche Gegenstände in den Donbass geschickt. Im Fall einer Gefangennahme oder bei Tod sei es dann schwierig, die Identität oder den Dienstherrn nachzuweisen, sagt er.

Kriwenko schätzt die Zahl der Soldaten auf 5000 bis 6000. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko spricht sogar von 8000 bis zu 11 000 russischen Soldaten im Donbass. Auch diese Zahlen hält Kriwenko für denkbar. Als Beleg hatte Kiew mehrfach Wehrdienstausweise und Pässe präsentiert.

Zwar ist seit langem bekannt, dass im Osten der Ukraine Freiwillige aus Russland kämpfen. Daraus machen weder der Kreml noch die prorussischen Separatisten einen Hehl. Bestritten wird aber, dass es einen Marschbefehl für Militärangehörige gebe. „Es gibt keine russischen Soldaten in der Ukraine“, sagte Präsident Wladimir Putin unlängst.

Bei dem Konflikt starben seit dem Frühjahr 2014 Schätzungen zufolge schon mehr als 6000 Menschen. Nun soll zwar die Militärtechnik endlich gemäß dem Friedensplan von Minsk von der Front abgezogen werden. Aus dem Konfliktgebiet verschwinden wird sie aber auch dann nicht.

Ohne massive Unterstützung von russischer Seite mit Technik und Kämpfern hätten die Separatisten nie so weit kommen können, stellte die Moskauer Opposition im Frühjahr im Bericht „Putin. Krieg“ fest. Autoren um den im Februar ermordeten Oppositionsführer und früheren Vize-Regierungschef Boris Nemzow hatten mit vielen gesammelten Daten der öffentlichen Linie widersprochen.

Milliarden-Kosten

„Reguläre Einheiten der russischen Armee haben in vielem die Kampf-erfolge der Separatisten im Osten der Ukraine vorausbestimmt“, heißt es in dem Papier. Einschließlich der Ausgaben für die Aufnahme von Hunderttausenden Flüchtlingen habe Russland der Krieg in der Ostukraine rund 80 Milliarden Rubel (rund 1,3 Milliarden Euro) gekostet, heißt es weiter. Doch der Schaden für jeden Russen sei viel größer. Die Kosten der Konfrontation mit der Ukraine – einschließlich der Sanktionen – hätten zu Preissteigerungen und einem Rubelverfall geführt.

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