Kairos neue Politik

 

Do, 30. Aug. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / AN Politik / Seite 4

Kairos neue Politik

Annäherung an den Iran. Distanz zu Israel.

Von Anne-Beatrice Clasmann

Kairo. Er ist erst 60 Tage im Amt. Doch an den Säulen, auf denen die ägyptische Außenpolitik in den letzten drei Jahrzehnten stand, hat Präsident Mohammed Mursi schon kräftig gerüttelt. Der Islamist hat die Einladung des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zum Gipfel der Blockfreien in Teheran angenommen. Er vergrößert den Graben zwischen Ägypten und Israel und bemüht sich gleichzeitig um eine intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China.

Unter seinem Vorgänger Präsident Husni Mubarak hatte Ägypten Abstand zum Iran gehalten und geholfen, die Sicherheit Israels zu garantieren. Dafür war das Land am Nil mit finanziellen Hilfen westlicher Staaten bedacht worden.

Geld braucht Ägypten, das seit dem Sturz von Mubarak 2011 mit sinkenden Touristenzahlen und einer Abwanderung ausländischer Investoren zu kämpfen hat, heute noch dringender als in den letzten Jahren der Mubarak-Ära. Wegen der politischen Instabilität wird es für den ägyptischen Staat immer teurer, sich auf dem internationalen Kapitalmarkt Geld zu leihen. Ob Mursi dem Drängen der US-Regierung, die Ägypten in der Mubarak-Ära immer üppig bedacht hatte, nachgeben wird, ist noch offen. Die Amerikaner wollen, dass er sich mit einem israelischen Politiker trifft. Doch Mursi weiß, dass er damit einen Teil seiner Wähler vor den Kopf stoßen würde. Schließlich stammt Mursi aus der Muslimbruderschaft, in deren Jargon Israel bis heute „das zionistische Gebilde“ genannt wird.

Die Ägypter fragen sich derweil, ob Mursi außenpolitisch vielleicht einfach noch unerfahren ist oder ob hinter seinem Kurs eine klare Strategie steckt. „Warum jetzt nach Teheran?“, fragt eine Kommentatorin der unabhängigen Tageszeitung „Al-Shorouk“; es sich müsse erst noch zeigen, ob seine Außenpolitik ausgewogen und an den Interessen Ägyptens orientiert sei, „oder ob sie die Ideologie in den Vordergrund stellt, was eine Annäherung an die islamischen Staaten bedeuten würde“.

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