Schock am Radio: Geht der Krieg weiter?

Di, 24. Dez. 2013
Aachener Nachrichten – Stadt / Lokales / Seite 17

Schock am Radio: Geht der Krieg weiter?

„Nachrichten“-Fotograf Martin Ratajczak erinnert sich an Weihnachten 1944. Einen Empfänger gebastelt und Nachrichten gehört.

Von Werner Czempas

Aachen. Wie haben stadtbekannte Aachener das Weihnachtsfest nach dem Krieg erlebt? Vier von ihnen schildern auf verschiedenen Seiten dieser Ausgabe ihre Erinnerungen. Dazu gehört auch der inzwischen 86 Jahre alte „Nachrichten“-Fotograf Martin Ratajczak:

An Heiligabend 1944 erinnere ich mich besser als an die direkten Weihnachten danach. Meine Eltern und ich waren in Aachen geblieben. Wir hatten uns bei der Räumung der Stadt versteckt. Als die SA im September mit vorgehaltenen Maschinenpistolen alle Zurückgebliebenen aus den Häusern und Kellern trieb. Alle mussten raus aus der Stadt.

Ich war 17, hatte einen Stellungsbefehl bekommen, bin aber nicht hin. Auf der Straße durfte ich mich nicht sehen lassen, die hätten mich an die Wand gestellt. Wir waren ausgebombt und hatten Unterschlupf in einem Mehrfamilienhaus am unteren Ronheider Weg gefunden, schräg gegenüber, wo später das Lokal „Wohnzimmer“ war. Wir lebten in einem Zimmer. Bis zur Befreiung Aachens Ende Oktober hauste ich meistens versteckt in einem Verschlag, so einem Hohlraum unter einer Dachschräge.

Der Ronheider Weg damals, das waren nur Wiesen rechts und links. Oben in der „Villa Thüllen“ saßen die Amerikaner. Hamstern konnte man noch nicht – mit was. Wir lebten von dem, was wir an Lebensmitteln und Eingemachtem in anderen Häusern und Kellern fanden. Am meisten aber von dem, was die Amerikaner übrig ließen. Die Amis waren so satt, die schmissen die Hälfte weg. Milchpulver, das war uns völlig fremd, alles war in Büchsen, Fleisch, Käse, seefest verpackt, sogar Klopapier.

Wir hatten einen Tannenbaum, geschmückt mit Selbstgebasteltem. Sogar eine Krippe mit irgendwo gefundenen Figuren. Das Wunderbarste von allem: Es gab Kaninchen. Ich weiß nicht, wie und wo meine Mutter das aufgetrieben hat, aber traditionell gab es Weihnachten bei uns Kaninchen. So denn auch 1944. Geschenke lagen keine unterm Baum, woher sollten die kommen. Wir waren froh, etwas zu essen zu haben.

Wir konnten sogar Musik hören. Es gab ja keinen Strom mehr, aber wir hatten ein Grammophon. Das spielte „Stille Nacht, heilige Nacht“. Und die Lilli Marleen von Lale Andersen.

Und ich hatte einen Detektor zusammengebaut. Das war eine Holzkiste, mit einem Kristall und einer Nadel und einer Spule – wenn man das alles richtig bastelte, konnte man mit der Kiste Radio hören, ohne Strom. Wir hörten den Sender Langenberg, deutsche Nachrichten. Und bekamen einen gewaltigen Schreck, als Langenberg meldete, im Westen seien deutsche Truppen zur großen Gegenoffensive angetreten. Das war die Ardennen-Offensive. Wir hatten Angst, dass die zurückkämen, aber das Ganze ging an Aachen weit vorbei.

Mich als jungen Mann hielten die Amis oft an: „Häw ju päss?“ Gottseidank hatte ich ein Papier mit Zeugenaussagen, dass ich nie Soldat gewesen sei. Dann durfte ich weiterlaufen. Aachen war damals wie ausgestorben, auch unsere Bekannten waren alle weg. Überall Trümmer, Trümmer, Trümmer. Ich erinnere mich, dass es oft Rübenkraut und Maisbrot zu essen gab, das hing einem zum Hals raus.

Später, 1946, hatte ich schon Arbeit als Heizungstechniker. Die Straßen waren von Trümmern frei, die Tram fuhr schon. Einmal durfte ich mit der Alemannia zu einem Spiel im sogenannten Mannschaftsbus mitfahren. Das war ein alter Lkw, Holzvergaser, mit Bänken drauf. Das muss man sich vorstellen, so etwas nannte sich Mannschaftsbus.

Weihnachten 1946 hatten wir wieder bunte Kugeln am Baum, woher auch immer. Und, klar: Es gab Kaninchen.

„Ich war 17, hatte einen Stellungsbefehl bekommen, bin aber nicht hin.“

Martin Ratajczak (86)

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