Wo die Feinde des Internets lauern

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Di, 6. Mär. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / Vernetzt / Seite 12

Wo die Feinde des Internets lauern

Von China bis Iran: In vielen Ländern überwachen und blockieren Zensoren das Netz. Doch sie lassen sich austricksen.

Von Andreas Lorenz-Meyer

Berlin. Staatliche Internet-Zensur soll Informationen der politischen Opposition oder generell unabhängige, freie Meinungen einschränken. Autoritäre Länder scheuen bei den Kontrollmaßnahmen keinen Aufwand. Dennoch lassen sich Blogger oder Dissidenten nicht den Mund verbieten.

„Reporter ohne Grenzen“ bezeichnet derzeit zehn Länder sehr plakativ als „Feinde des Internets“: China, Kuba, Iran, Myanmar (Birma), Nordkorea, Saudi-Arabien, Syrien, Turkmenistan, Usbekistan und Vietnam. Nach dem „arabischen Frühling“ gehören Tunesien und Ägypten nicht mehr zu dieser ersten Kategorie. Sie haben den Status „unter Beobachtung“, so wie 14 andere Nationen: Eritrea, Russland oder die Türkei, aber auch Frankreich und Australien.

Cyber-Polizisten auf Patrouille

China ist die unbestrittene Nummer eins unter den Zensoren. Das Land hat eine „Great Firewall“ um sich herum aufgebaut, 30 000 Personen sollen in den Zensurapparat eingebunden sein. Dazu gehört auch ein bezahltes Heer von Kommentatoren, welche bei kritischen Blog-Einträgen staatskonforme „Gegendarstellungen“ verfassen. Darüber hinaus wird auf Einschüchterung gesetzt: Cyber-Polizisten erscheinen auf Webseiten und halten Nutzer zu „harmonischem“ Verhalten an.

Unliebsame Seiten werden angegriffen und lahmgelegt. Oder man versucht, in die Server einzubrechen – auch im Ausland. Ein Beispiel ist die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Systemkritiker und Menschenrechtler Liu Xiaobo im Oktober 2010. Nach der Ernennung wurde die Webseite des Preises gehackt und den Besuchern Schadcode untergejubelt.

Hinter der aufwändigen Zensur stecken aber nicht nur politische Gründe. Es geht auch schlicht und einfach um Geld. Mit der Sperrung von „großen“ westlichen Seiten werden die chinesischen Facebook- oder Youtube-Kopien populärer – und machen mehr Umsatz.

Im Iran setzt der Staatsapparat auf die Dämonisierung des Netzes. Im September 2010 erklärte das Staatsfernsehen Facebook und Twitter zu „Feinden“ des Landes. Sie seien ein Werkzeug westlicher Geheimdienste, mit dem Mitglieder rekrutiert und Informationen gesammelt werden. Ein „Expertenkomittee“ brütete eine Liste von Netz-Delikten aus. Verboten sind Inhalte, die gegen die „Gesellschaftsmoral“ verstoßen, „religiöse Werte“ verletzen oder den „sozialen Frieden“ gefährden – alles willkürlich auslegbare Begriffe.

Große Teile des Netzes werden den iranischen Nutzern vorenthalten, etwa die Video- und Bildplattformen Youtube und Flickr. Selbstredend sind auch Webseiten mit israelischer Endung („.il“) nicht aufrufbar. Seit 2010 wird sogar eine „Cyberarmee“ in den Kampf gegen die freie Meinung geschickt. Todesstrafe für Blogger? Auch das, und zwar wegen „Beleidigung des heiligen Islams“. Das Regime scheint sogar noch einen Schritt weiterzugehen: Ein geschlossenes, „sauberes“ Iran-Intranet soll entstehen, abgekoppelt vom Rest der Netzwelt.

Und der „arabische Frühling“? Es ist sicher nicht so, dass die Revolutionen in Tunesien oder Ägypten allein von Sozialen Netzwerken vorangetrieben wurden. Dennoch: Unterdrücker haben gehörigen Respekt vor der Macht des Netzes, unterschätzen wird es niemand mehr. Auch nicht in Syrien, wo Präsident Assad gerade Blut vergießen lässt. Dort sind die Menschen zwar noch nicht so vernetzt wie anderswo. Staatliche Willkür erstreckt sich aber auch auf den virtuellen Raum. Wer sich etwa in ein Internet-Café setzt, gerät schon einmal in eine Polizeirazzia und muss mit den Beamten „Kaffee trinken gehen“ – eine Verniedlichung des folgenden Verhörs.

Auf die Unruhen in Tunesien und Ägypten reagierte der Staatsapparat mit den üblichen Mitteln: Internet abschalten und Menschen verhaften. Hinter Gittern landete zum Beispiel ein Cybernaut, welcher ein Video von den gewaltsam niedergeschlagenen Demonstrationen in Damaskus bei Youtube hochgeladen hatte. Besonders viele Schlagzeilen machte der Fall der 19-jährigen Bloggerin Tal al-Mallouhi, die zuerst monatelang an unbekanntem Ort festgehalten und dann zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde.

An vielen Orten scheint die Lage aussichtslos. Aber manchmal sind die Filter nicht perfekt eingestellt, sagt Jens Kubieziel vom Chaos Computer Club. Dann lässt sich Zensur mit einfachen Tricks umgehen, zum Beispiel durch das Weglassen des „www“ bei der Adresse. Auch das Einsetzen von Großbuchstaben (wWw.Beispiel.org statt www.beispiel.org) kann von Erfolg gekrönt sein. „Es lohnt sich immer wieder, auf die Fehler der Zensoren zu setzen“, meint Kubieziel. Auch wenn diese leicht behoben werden können.

Um an Informationen zu gelangen, machen Internet-Aktivisten auch Umwege und geben die eigentlich gesperrte Seite bei einem Übersetzungsprogramm ein. Manchmal kommt Hilfe von außen: Nichtregierungsorganisationen bringen Bloggern und Dissidenten vor Ort bei, wie Programme zur Umgehung von Zensur einzusetzen sind.

Die internationale Netzaktivistengruppe Telecomix etwa unterstützt derzeit die Nutzer in Syrien. Je nachdem, in welchem Land sie sich befinden, müssen die Helfer auch „undercover“ arbeiten, erklärt Kubieziel, der selbst Schulungen im Jemen durchführte. Es gelte weiterhin ein alter Spruch von US-Bürgerrechtler John Gilmore: „Das Internet behandelt Zensur als Fehler und umschifft sie einfach.“

Welttag gegen Internetzensur am 12. März

Zum fünften Mal ruft die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ am 12. März zum Welttag gegen Internetzensur auf.

Mit Bannern und Aktionen wird vor Beschränkungen der Meinungsfreiheit im Internet gewarnt.

Im Bericht „Feinde des Internets“ wird über die weltweite Entwicklung der Internet-Zensur informiert.

Der „Netizen-Preis“ wird an einen Blogger vergeben, der sich um die Meinungsfreiheit im Internet verdient gemacht hat. (red)

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