„Solche Schmähungen sind unerträglich“

Sa, 29. Jun. 2013
Aachener Nachrichten – Stadt / Kultur / Seite 11

„Solche Schmähungen sind unerträglich“

Literaturnobelpreisträger Günter Grass sorgt mit Angriffen auf Angela Merkel für Empörung. Selbst der SPD geht das zu weit.

Berlin. Ein Auftritt des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass auf einer SPD-Veranstaltung ist auch von Sozialdemokraten kritisch bewertet worden: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) kritisierte in der „Bild“-Zeitung vom Freitag Äußerungen des 85-Jährigen zur DDR-Biografie von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Äußerungen von Grass über Merkel seien „ein politisches Urteil und keine Beleidigung“, sagte dagegen Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) dem Südwestrundfunk.

„Bei allem Respekt vor Grass als Schriftsteller: Solche Schmähungen des Lebens in der DDR sind unerträglich. Erst recht 23 Jahre nach der Deutschen Einheit“, sagte Sellering. Grass hatte Berichten zufolge am Mittwochabend bei einer Diskussion mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gesagt, Merkel habe eine „doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung“ erfahren: als FDJ-Funktionärin in der DDR und dann unter Kanzler Helmut Kohl (CDU). In der FDJ-Zeit habe sie „Anpassung und Opportunität“ gelernt, bei Kohl natürlich „den Umgang mit Macht“.

Rede von einer „Söldnerarmee“

Union und FDP kritisierten den Auftritt scharf: „Herr Grass sollte lieber seine eigene Vergangenheit in den Blick nehmen als die der Bundeskanzlerin“, sagte CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt mit Blick auf dessen Geständnis, er habe als junger Mann in der Waffen-SS gedient.

Kritik gab es auch an Grass‘ Äußerungen zur Bundeswehr, die er den Berichten zufolge als „Söldnerarmee“ bezeichnete, in deren Auslandseinsätzen Soldaten für Geld „verbraten“ würden. Er finde die Äußerungen „sehr befremdlich, um nicht zu sagen: beschämend“, sagte FDP-Chef Philipp Rösler der „Welt“. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe kritisierte Grass‘ „beschämendes Maß an Geschichtsvergessenheit“. „Langsam fragt man sich: Ist in Grass‘ Pfeife wirklich nur Tabak?“

Merkel wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern. „Wenn Herr Grass – ein hoch angesehener Literat – auf einer SPD-Veranstaltung etwas sagt, muss die Bundeskanzlerin nicht auch noch was dazu sagen“, sagte Vizeregierungssprecher Georg Streiter in Berlin.

Thierse wiegelt ab

„Das sind Äußerungen in seiner Verantwortung“, sagte Thierse am Freitag im Deutschlandfunk zu den Äußerungen von Grass. Der Bundestagsvizepräsident hatte die Runde mit dem Autor moderiert. Er wies darauf hin, Steinbrück habe in der Diskussion „in verschiedenen Punkten“ Grass widersprochen.

Mit Blick auf die Kritik an Merkels Vergangenheit als FDJ-Sekretärin sagte Thierse, „man kann niemandem vorwerfen, dass er in einer Diktatur ein unauffälliges, angepasstes Leben geführt hat“. Er selbst habe in Interviews lediglich „leise Kritik daran geübt, dass Frau Merkel gelegentlich den Eindruck erweckt hat, als habe sie eine Widerstandsbiografie hinter sich“.

Im SWR erinnerte Thierse auch daran, er selbst sei vor Jahren von dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) „mit Hermann Göring, dem Nazi“ verglichen worden. Dafür habe sich Kohl bis heute nicht bei ihm entschuldigt und die CDU habe sich auch nicht davon distanziert. Daher solle sie auch jetzt derartige Forderungen „schlicht lassen“.(afp)

„Langsam fragt man sich: Ist in Grass‘ Pfeife wirklich nur Tabak?“

Hermann Gröhe,

CDU-Generalsekretär

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