Von Aachen in den Dschihad – und in den Tod

 

Di, 18. Sep. 2012
Aachener Nachrichten – Stadt / Die Seite Drei / Seite 3

Von Aachen in den Dschihad – und in den Tod

Mit Internetpropaganda werden Deutsche für den „Heiligen Krieg“ im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet angeworben. Samir H. aus Aachen folgte dem Ruf.

VON CHRISTOPH KÜHNE

Aachen. „Diese Zeit war eine schöne Zeit.“ Samir H. spricht hier nicht vom letzten Sommerurlaub. Der Gotteskrieger aus Aachen sitzt zwischen Feldsteinen vor einer Lehmwand, das Gesicht verpixelt, die Hände auf ein Sturmgewehr gestützt, und erzählt vom jüngsten Angriff auf einen Konvoi der pakistanischen Armee. In akzentfreiem Deutsch berichtet der Sohn eines tunesischen Vaters und einer deutschen Konvertitin, wie er und seine Mitstreiter elf Tage lang von pakistanischen Soldaten belagert wurden. Für ihn „eine Zeit voller Iman“, eine Zeit voller Glauben. Samir H. tritt in dem Propagandavideo der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) unter dem Kampfnamen „Abu Laith“ auf.

Ein halbes Jahr zuvor, im Oktober 2009, war er samt Frau und Kindern von Aachen ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet aufgebrochen, um dort den Dschihad gegen die Ungläubigen zu führen. Seine jüngere Schwester Soumaia war ihm kurz darauf gefolgt.

Am Morgen des 9. März dieses Jahres fuhr Samir, zusammen mit rund einem Dutzend pakistanischen Taliban und ausländischen Glaubenskriegern, auf einem Pick-up durchs südliche Waziristan. Nahe dem Dorf Nishpa feuerte eine amerikanische Drohne drei Raketen auf das Fahrzeug ab. Mindestens eine davon, so berichtet der „Spiegel“, traf den Pick-up und tötete den 29-jährigen Samir mitsamt den übrigen Insassen.

Der Islamist aus Aachen ist nur einer von vielen deutschen Dschihad-Pilgern, die in die rauen Berge Waziristans gezogen sind, um gegen die Nato in Afghanistan und die „abtrünnige“ pakistanische Armee zu kämpfen. Oder um sich in einem der zahlreichen Terrorcamps ausbilden zu lassen.

Fanatisiert und gefährlich

Solche fanatisierten Heimkehrer gelten als besonders gefährlich. Sie sprechen meist fließend Deutsch, kennen die westliche Kultur, können sich anpassen und ihre Anschläge aus der Mitte der Gesellschaft heraus vorbereiten. Drei der vier Selbstmordpiloten vom 11. September 2001 hatten in Hamburg studiert, bevor sie nach Afghanistan reisten, um sich für den „Heiligen Krieg“ rekrutieren zu lassen. Ursprünglich wollten sie weiter nach Tschetschenien, aber die Al-Kaida erkannte ihr Potenzial und schickte sie in die USA, um dort Flugunterricht zu nehmen.

Auch drei der vier gescheiterten Attentäter von der Sauerland-Gruppe hatten sich zuvor in Trainingscamps der Islamischen Dschihad-Union (IJU), einem Ableger der IBU, ausbilden lassen. Gleiches gilt für den mutmaßlichen Kopf der so genannten „Düsseldorfer Zelle“, deren Mitgliedern seit Ende Juli der Prozess gemacht wird. Sie sollen ihre Anweisungen direkt von der Al-Kaida-Führung in Pakistan erhalten haben.

Seit einiger Zeit wenden sich Al-Kaida und ihr nahestehende Organisationen mit ihrer Internet-Propaganda verstärkt an ein nicht-arabisches Publikum. So publizierte die „Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel“ von 2010 bis 2011 mehrere Ausgaben eines englischsprachigen Online-Magazins namens „Inspire“. Dort war unter anderem nachzulesen, wie man mit „Zutaten aus Mutters Küche“ eine Bombe bastelt oder sich richtig mit der Kalaschnikow positioniert.

Auch auf Deutsch wird gezielt angeworben. Besonders aktiv in dieser Hinsicht ist die Islamische Bewegung Usbekistans. Ursprünglich gegründet, um in Zentralasien ein islamisches Kalifat zu errichten, wurde die Gruppe erst aus Usbekistan, dann aus Tadschikistan und schließlich, nach dem Sturz des Taliban-Regimes in Kabul, auch aus Afghanistan vertrieben. Heute operiert sie vom afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aus und paktiert mit den Taliban und der Al-Kaida. Auf der Suche nach neuen Rekruten und potenziellen Geldgebern wirbt sie in Internetvideos auf Russisch, Türkisch, Englisch und Deutsch.

Die Bundesrepublik im Visier

Die Hauptprotagonisten in den deutschsprachigen Propagandavideos der IBU sind die Brüder Mounir und Yassin Chouka aus Bonn. Die beiden ehemaligen Gymnasiasten rufen regelmäßig zu Anschlägen in Deutschland auf. Im Visier steht die Bundesrepublik vor allem wegen dem Einsatz in Afghanistan, aber auch innenpolitische Themen spielen eine Rolle. Nachdem Aktivisten von Pro-NRW mit Mohammed-Karikaturen vor die Moscheen gezogen waren, verlangte Yassin Chouka per Videobotschaft von deutschen Muslimen: „Ihr sollt die Mitglieder der Pro-NRW alle töten!“

Dem Ruf der Chouka-Brüder zum Dschihad in Waziristan ist auch der Aachener Samir H. gefolgt. Ein Abschiedsbrief, den seine Schwester an die besorgten Eltern schrieb, soll teilweise wortgenau einem Videoaufruf der Bonner Islamisten gleichen. In ihren mit islamischen Gesängen unterlegten Amateurfilmen zeichnen die Choukas ein romantisiertes Bild vom Leben im „Land der Märtyrer“, wie sie die wazirische Bergregion nennen. Ihre Propaganda wirkt wie eine bizarre Mischung aus Abenteuertourismus, Pilgerfahrt und „Heiligem“ Krieg. Die Choukas beschreiben ein Land der Wunder und Verheißungen, in dem spirituell Suchende Brüderlichkeit und Zusammenhalt finden, einen festen Glauben und Rituale, die dem Leben eine Ordnung, einen Sinn geben. Aber auch die Chance, ein Held zu werden und als Märtyrer im Paradies vor den Schöpfer zu treten.

Einflüsterungen des Satans

Für Außenstehende ist das schwer zu begreifen. Einen der raren Einblicke in die Lebenswelt junger Dschihad-Pilger gewähren die Memoiren des 1988 geborenen Konvertiten Eric Breininger aus dem Saarland. Sicherheitsexperten halten das im Internet verbreitete Dokument für authentisch. Breiningers Memoiren sind auch ein Reisebericht. Er beschreibt darin seine Sinnsuche und seinen Weg zum Islam, der ihm Antworten gab, die er im Christentum nicht fand. Er beschreibt aber auch seine abenteuerliche Reise nach Waziristan, die für ihn eine Reise in den Tod werden sollte.

Seine Wandlung vom Fußball spielenden Partygänger zum Gotteskrieger dauerte nur wenige Monate. Beim Pakete Verladen nach der Berufsschule lernt Breininger Anfang 2007 den radikalen Muslim Anis P. kennen. Der führt ihn an militant-salafistische Kreise heran. Nur wenig später trennt sich Breininger von seiner Freundin, weil die es mit dem Islam nicht ernst genug hält. In Saarbrücken teilt er sich dann eine Wohnung mit Daniel Schneider von der Sauerland-Gruppe. Schneider steckt mitten in den Anschlagsvorbereitungen und warnt Breininger, er solle besser das Land verlassen.

Breininger reist daraufhin nach Kairo. Im Winter 2007 fliegt er von dort mit dem Libanesen Hussein al-Malla, einem Freund aus Saarbrücken, in den Iran. Zu Fuß geht es über die Grenze nach Pakistan, dann stundenlang weiter im Auto. Breininger trägt dabei eine Burka, um sein europäisches Aussehen zu verbergen. Angekommen in einem Ausbildungslager der IJU fühlt er sich bald einsam. Al-Malla zieht weiter, und sonst spricht keiner Deutsch. Breininger bleibt niemand, mit dem er seine Gedanken und Gefühle austauschen kann. Es kommen ihm Zweifel, aber die erstickt er als Einflüsterungen des Satans.

Im Herbst 2009 treffen schließlich doch noch eine Handvoll Deutsche im Lager ein, denen sich Breininger sofort anschließt. Sie bilden die Keimzelle einer inzwischen wohl zerstreuten Kleinstgruppe, den Deutschen Taliban Mudschaheddin (DTM). Für die DTM trat Breininger in mehreren Videos auf. Darauf wirkt er verschüchtert und zeigt sich wenig wortgewandt. Mechanisch liest er seinen Text herunter, stockt und verhaspelt sich. Man gewinnt den Eindruck eines unsicheren, beeinflussbaren jungen Mannes.

Die DTM verbreiteten auch die Memoiren Breiningers, zusammen mit einem Foto, das seinen Leichnam zeigen soll, erschossen von pakistanischen Soldaten. Der Tote auf dem Bild lächele, so will es die Propaganda, das „Bassamat al-Farah“, das Lächeln der Freude – für Dschihadisten ein untrügliches Zeichen, dass Allah sein Martyrium angenommen und ihn im Paradies empfangen hat.

Die Regierung schweigt sich aus

Von Samir H. ist ein solcher Todesbeleg bislang nicht aufgetaucht. Auch die Bundesregierung will seinen Tod nicht bestätigen und schweigt sich zu den Umständen aus. Man habe die USA und Pakistan um entsprechende Informationen gebeten, heißt es in einer Antwort auf die Anfrage des Abgeordneten Andrej Hunko von der Linken. Für alles Übrige wird auf die Geheimhaltung verwiesen.

Die Tötung von Samir H. hat auch völkerrechtliche Relevanz. Bei ihren gezielten Tötungen durch ferngesteuerte Flugroboter berufen sich die USA auf das Selbstverteidigungsrecht. In den pakistanischen Stammesgebieten herrscht ein sogenannter „nichtinternationaler bewaffneter Konflikt“, daher findet das Kriegsvölkerrecht Anwendung. Es erlaubt grundsätzlich die Tötung gegnerischer Kämpfer. Fraglich ist aber, ob Samir H. als „Kombattant“ im kriegsrechtlichen Sinne einzustufen ist, und nicht als Zivilist.

Für seine Mutter ist der Fall klar. „Das war Mord!“, sagte sie gegenüber dem „Spiegel“ und forderte von der Bundesregierung eine Aufklärung der Todesumstände. Schließlich war Samir H. deutscher Staatsbürger.

Terrortraining: 255 Menschen aus Deutschland

Laut Verfassungsschutz haben seit Anfang der 1990er Jahre „rund 255 Personen mit Deutschland-Bezug“ ein solches Terrortraining durchlaufen oder zumindest beabsichtigt.

„Deutschland-Bezug“ soll heißen, dass es sich entweder um deutsche Staatsangehörige oder Ausländer mit längeren Aufenthalten in der Bundesrepublik handelt.

Für 70 der 255 Personen gibt es konkrete Hinweise auf eine im Ausland absolvierte paramilitärische Ausbildung.

„Diese Zeit war eine schöne Zeit.“

Samir H. über den Dschihad

„Das war Mord!“

Samirs Mutter über Den
Tod ihres Sohnes

Kommentar: Gut, dass wir , die Nato, in Afghanistan sind, da kann man fern der Heimat Typen wie Samir und Breininger in sicherer Distanz liquidieren, ohne Personen in Europa / Deutschland massiv zu gefährden. Die USA haben dank ihrer Drohnen auch ein recht wirksames Mittel. 

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